Wir lieben dich, aber deine Buecher verstehen wir nicht

Diedrich Diedrichsen hatte ich während meines Studiums hauptsächlich als Mitherausgeber der „Texte zur Kunst“ und Feuilletonist der „Zeit“ wahrgenommen. Ich wusste auch, dass er Texte zu Poptheorie veröffentlichte. Gut zu lesen für Theorie, meinte ich. Jemand der Zustände der Gegenwart reflektiere, gleiche nicht den vielen anderen Kunsttheoretikern, die in ihrer Kunstblase verstaubten.

Umso überraschter war ich als einige meiner Freunde von Diederichsen genau das Gegenteil behaupteten. Der Standpunkt bestimmt die Perspektive. Diese waren ausgemachte Indie-Pop-Kenner und assoziierten Diederichsen sofort mit dem Musikmagazin „Spex“. Er sei einer der Autoren, die der „Spex“ den Ruf verschafften, dass man die Texte nur mit „Uni-Diplom“ verstehen würde (was arg übertrieben ist).

Als ebensolcher wurde Diederichsen auch in Literatur und Film dargestellt. Joachim Lottman schrieb 2003 in einem taz-Artikel („Nichts als die Wahrheit“):

Der berühmteste Bachmanntext aller Zeiten ist ‚Subito‘ von Rainald Goetz. Es geht dort um Diedrich Diederichsen, der da ‚Neger Negersen‘ heißt und in der Hamburger NDW-Bar Subito verkehrt, die auch im Text so heißt.“In Benjamins Quadbecks Verfilmung von „Verschwende deine Jugend“ erscheint Diederichsen in der Figur des Journalisten Wieland Schwarz als intellektueller Besserwisser, der sich seines Einflusses auf die Musik-Szene bewusst ist.

Und auch in der Musik selber wird er thematisiert, die Band „Saalschutz“ hat eigenst ihm ein Lied gewidmet: diederich diederichsen (via Radiokiosk)

Diedrich Diederichsen, wir lieben dich,/ aber deine Bücher verstehen wir nicht./ Sie sind so introvertiert und originell. Wir kaufen sie und stellen sie ins Büchergestell.

Dazu äusserten sich die zwei Schweizer in einem Interview mit der „Jungen Welt“ (Februar 2004):

JW: Eure Kritik trifft gern intellektuelle Kreise wie im Song „Diedrich Diederichsen“. Gleichzeitig bewegt ihr euch in diesem Umfeld.
Saalschutz: Wir sind bestimmt nicht intellektuellenfeindlich. Bei genauer Beachtung der Wortwahl in ‚Diedrich Diederichsen‘ läßt sich erkennen, daß darin Fremdwörter vorkommen, die nicht so recht zum Vorwurf passen, den der Song formuliert. Es ist immer ein Versuch da, in der Kritik auch die Kritik zu kritisieren, was ab einem gewissen Punkt zum Scheitern verurteilt ist, weil das ja nicht unendlich betrieben werden kann. Angeprangert wird intellektuelle Unredlichkeit. Es geht dabei gar nicht so sehr um Diedrich Diederichsen als um seine Jünger, die eine spezifisch männliche, unangenehme Art des besserwisserischen, belehrenden Diskurses über Popmusik pflegen. Allerdings basiert unsere Kritik auf Vorurteilen und auf Lektüre eines Wiglaf-Droste-Textes.

Bei der Gelegenheit lohnt es sich auch weiter in das aktuelle Album („Das ist nicht mein Problem“) von Saalschutz reinzuhören. Selten, dass es jemanden gelingt, ein so feines ironisches Lied über Kunst als Worthülse zu produzieren: leererer, inhaltsloserer ausdruck (feat. stina galaxina)

Ich fragte sie, kennst du dich bei Kunst aus / Dann gestand ich ihr, ich plane einen Kunstraub / Ich sagte ihr, ich frage dich / Welche Kunst ich rauben soll und welche Kunst nicht / Ich fragte sie, stimmt es, dass du was von Kunst weißt / Sie sagte mir: / Ich bewege mich im entsprechenden Dunstkreis


 

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