Alles neu macht der Mai

„Museum and the Internet“ -Tagung in Karlsruhe
Maikäfer fliegen durch die Luft, torkeln auf dem Boden herum, es ist unverkennbar Mai. Passend dazu gibt es die MAI-Tagung, diesmal im ZKM in Karlsruhe. Der Fokus des Programms liegt auf dem „Geschichtenerzählen“ mit Web 2.0. So ging es heute um Amateure, Second Life, Wikis, Podcasts sowie Webprojekte. Jedoch unterscheiden sich die Ansätze grundlegend von den Diskussionen im Web selbst, denn noch wird mit den neuen Möglichkeiten im Museum sehr zögerlich umgegangen. Doch Peter Weibel liess sich davon wenig beeindrucken und erläuterte im Eröffnungsvortrag seine Visionen für das ZKM.
Der Vortrag hieß „You: Das Museum und Web 2.0. Vom Betrachter zum Benutzer“. Dabei stieg er in das Thema ein, indem er erklärte, dass es in der Kunst schon in den 1960er Jahren Mensch-Maschine-Interaktionen gegeben habe, sozusagen die Kunst sei der Vorläufer zum „User generated Content“. Durch den Betrachter seien Kunstobjekte in Gang gesetzt worden (bspw. bei der Op-Art). Dieses Modell stehe aber bis heute noch für die typische Definition von Interaktivität in der Kunst, bzw. für Interaktivität im Museum. Der Künstler schaffe ein Kunstwerk, welchem der Nutzer im Museum begegne und mit dem er interagieren könne. Den Unterschied den das Web 2.0 nun mache, sei, dass man zu einer neuen Betrachtung von Interaktivität gezwungen worden sei: Der Nutzer selbst schafft nun die Inhalte: „Der so genannten Amateure ist heute in Stand gesetzt mit anderen Amateuren seine Inhalte zu teilen.“

Dies sei ein Angriff auf das Museum, im Sinne davon, dass dieses normalerweise wie eine „Arche Noah“ wäre, in dem gezeigt würde, was wirklich wichtig und gut sei. Im ZKM sei man hingegen dazu gekommen, dass es keinen anderen Weg geben könne als auf das Verhalten der Benutzer einzugehen. Das Museum müsse von der Ort- und Zeitgebundenheit befreit werden. Die Museen seien einem Museumsmodell des 19. Jahrhunderts verhaftet, dass sei asynchron. Man solle zu jeder Zeit mit dem Museum in Kontakt treten können. In Second Life könne man Architektur und Inhalte des Museums zur Verfügung stellen und auch der Besucher könnte dann dort seine eigenen Kunstwerke reinstellen. Im Sinne von Kodaks frühen Leitsatz: „You press the button – we do the rest“.

Gerade die Fotografie habe gezeigt, dass eine technische Innovation nicht ausreiche, dass tatsächlich jeder, der nun eine Kamera besessen hat, seine Bilder auch großflächig veröffentlichen konnte, denn Zeitungen und Museum ließen nicht zu, dass man dort einfach so publizieren, bzw. ausstellen konnte: „Die Bevölkerung war gezwungen sich eine Plattform zu suchen.“ Das Netz habe eine Ideologie der Teilhabe kultiviert: Von der Rezipienten-Kultur zur Kultur der Teilhabe. Second Life sei das erste Multi-Player-Medium, welches sich großflächig durchgesetzt habe. Selbst wenn der Hype nur zwei Jahre dauern würde, sei damit doch was Neues entstanden. Dieses Netz sei der Traum der Künstler: Als Multi-Player-Medium könnten mehrere Künstler gleichzeitig ein Kunstwerk schaffen.

In der Konsequenz führe es jedoch zum Abbruch des Auratischen, der vielen nicht gefallen würde, denn die Amateure würden zu Experten werden. So etwas wie „Deutschland sucht den Superstar“ wäre hingegen ein Rückgriff. Das wäre Elitebildung auf einem unsäglichen Niveau. Das Feindbild machte Weibel letztlich – nur scheinbar sei es das Feuilleton – bei den Providern selbst aus: „Im Netz ist man von der Gunst und Gnade der Provider abhängig.“ Provider seien auch nicht an Archivierung der Inhalte interessiert, sondern an Nutzervermehrung. Web 2.0 beinhalte die Möglichkeit einer Kulturrevolution. Doch müssten in der Öffentlichkeit dessen Probleme auch dargestellt werden, sonst würde man die Möglichkeit nicht nutzen können wie man sollte.

Erstveröffentlichung auf http://tagwerke.twoday.net

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