Erläuterungen zu Antoine Joseph Wiertz: Hunger, Wahnsinn, Verbrechen. Foto: Tine Nowak

Dark Romanticism

Mit Gothic habe ich lange Zeit eine Epoche der Kulturgeschichte oder eine Jugendkultur assoziiert. Auf den Begriff der Gothic Novel bin ich dann erst während meines Studiums gestoßen, als ich in London in einem Modernen Antiquariat eine Version mit Anmerkungen von „Jane Eyre“ gekauft hatte. Dort wurden Bezüge zur Gothic Fiction aufgezeigt, eine Form der Literatur, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien beliebt war.

Fellner Geisterszene, Foto: Tine Nowak

Als ich später „Northanger Abbey“ von Jane Austen las, tauchten die Elemente dieses Romantyps wieder auf: eine Romanheldin, ein düsteres Schloss, ein Geheimnis um einen verbotenen Trakt, Geräusche in der Nacht, eine ominöse Frau, eine düstere Männerfigur. Allerdings schon durch die Sicht der Romanheldin ironisch gebrochen. Eva Sphinx, Foto: Tine NowakCatherine lässt auf Northanger Abbey ihren wilden, durch Schauerromane genährte Phantasie freien Lauf, um am Ende die Romane geläutert zu verbrennen. Hier lässt sich deutlich ein bewahrpädagogischer Ansatz erkennen, der sich aus der Sorge um die vermeintliche Lesewut der jungen Damen speiste, die scheinbar so manchen Schauer beim Lesen erlebten, was argwöhnisch beobachtet wurde. Die Auswirkungen solcher Gefühlsaufwallungen auf junge Mädchen durch Literatur sind im Kinderbuch „Anne of Green Gables“ geschildert. Anne begeistert sich mit ihren Freundinnen für Tennysons „The Lady of Shalott„. Die Begeisterung geht so weit, dass sich Anne in ein Boot legt, während die Freundinnen Tennyson rezitieren. Beinahe ertrinkt die jugendliche Romanfigur dabei, als nicht ungefährlich erweist sich somit die Performanz des Lektürestoffes.

In den Ausstellungsräumen im Städel zeigen sich in der Ausstellung zur „Schwarze Romantik“ insbesondere die deutsche und französische Ausprägungen düsterer Romantik. Es sind vor allem Gemälde und Grafiken aus dem Zeitraum des 18. und 19. Jahrhunderts bis hin zu den Surrealisten des 20. Jahrhunderts. Goya Grafiken, Foto: Tine NowakGerade die populären Bezüge zur Literatur der Gothic Fiction sind es, welche ich in der Ausstellung vermisst habe, sieht man von der Inszenierung zu Mary Shelleys „Frankenstein“ ab. Die Ausstellungsarchitektur hierzu ist wohl prominent im ersten Ausstellungsraum präsentiert, allerdings wird stärker die Rezeption im Film verhandelt. Die Integration des frühen Films in eine Kunstausstellung muss hier jedoch betont werden. Nicht nur, dass dies gut gelungen ist, aber es erstaunt mich immer noch, dass dies ein Novum sein soll. Ist nicht weit mehr verwunderlich, dass viel zu wenig die gegenseitige Bedingtheit und Beeinflussung der Künste in Ausstellungen thematisiert wird? Auch hier hätte die Durchdringung von Literatur noch deutlicher aufgezeigt und die wachsende Verbreitung von neuen Medien, wie der frühen Fotografie, nach meinen Bedürfnissen, mehr Raum gegeben werden dürfen. Werden doch insbesondere zeitgleich frühe inszenierte Fotografien mit „Ophelia“- und „Lady of Shalott“-Motiven (die stark an die Bildkompositionen von John William Waterhouse erinnern) in der Mannheimer Ausstellung „Die Geburtsstunde der Fotografie“ gezeigt.

Einen Künstler habe ich zudem vergeblich gesucht: Ich hätte wetten mögen, dass mir Audrey Beardsley irgendwo in der Ausstellung begegnen würde. Er hätte sehr gut als Künstler des Übergangs funktioniert, der die Bildmotive des 19. Jahrhunderts (Untergeschoss) neu gefasst hat und wegweisend ins 20. Jahrhundert geleitet hätte (Obergeschoss).

Es ist Jammern auf hohen Niveau, denn die Ausstellung ist unterhaltsam und sie bietet den Besuchern viel. Selbst der kunstferne Betrachter kann leicht Bezüge zu gängigen Motiven aus Filmen und Comics finden. Gleich mehrfach wurde im schütter behaarten Totenkopf auf der Grafik von Julien Adolphe Duvocelle – zur allgemeinen Belustigung – ein Gollum-Doppelgänger wiedererkannt.

Der Text entstand im Rahmen einer Blogparade des Städelmuseums und nach dem Besuch eines KultUps in der Ausstellung „Schwarze Romantik“ im Städelmuseum Frankfurt.