Ein selbsterklaerender Eintrag

Andrea Diener führt uns das Bloggen vor

Andrea Diener bloggt, Foto: Tine NowakHoher Besuch: Letzten Freitag besuchte uns Blog-Autorin Andrea Diener im Büro. Sie wird in unserer Ausstellung innerhalb einer von sieben Tagebuchgeschichten vorgestellt. Extra für uns legte sie einen neuen Eintrag in ihrem Blog Reisenotizen aus der Realität an. Dank Andrea werden Ausstellungsbesucher bald nahezu in Echtzeit miterleben können, wie ein Blog-Eintrag entsteht – vom Einloggen bis zum Publizieren.

Ob sich die regelmäßigen Besucher von Andrea Dieners Blog am Freitagnachmittag wohl gewundert haben? Andreas neuester Eintrag muss Ihnen doch etwas sonderbar vorgekommen sein – schließlich ging es darin nur um eines: Wie man einen Blog-Eintrag schreibt.

Des Rätsels Lösung: Andrea hat mit diesem Blog-Eintrag gewissermaßen ein Ausstellungsstück für uns geschrieben. Das Schreiben des Eintrags hat sie nämlich eifrig mit Screenshots festgehalten. Diese wurden von mir anschließend zu einer Animation zusammengefügt. Später in der Ausstellung wird diese an einer Medienstation vorgeführt werden um nicht-Bloggern die Grundprinzipien des Schreibens im Internet näher zu bringen.

In der fertigen Animation kann man jetzt zuschauen, wie Andrea sich zunächst anmeldet und dann einen Eintrag hinzufügt. Einen guten Kaffee brauche sie, schreibt Andrea, bevor sie mit dem Schreiben anfangen könne. Da unterscheide sich das Bloggen gar nicht vom Schreiben anderer Texte. Wenn man allerdings herunterscrolle erscheine der Publish-Button, mit dem die Geschichte veröffentlicht wird, schreibt sie und scrollt promt den Bildschirm hinunter bis zum besagten Button. Die Überschrift schreibe sie meistens zum Schluss, fügt sie hinzu, und überschreibt den Eintrag mit „Selbsterklärender Eintrag“. Ein Klick auf Publish und schon steht der Eintrag im Netz.

Den Blog-Eintrag hat Andrea mittlerweile wieder gelöscht – aber die Animation kann man sich hier schon mal in klein anschauen: Andrea-Diener-Blogeintrag. In Groß kann man sie dann ab 6. März in der Ausstellung finden.

Zuerst veröffentlicht auf: http://tagwerke.twoday.net

Geschichte des Bloggens

Das Weblog hat Geburtstag

Mit all der Arbeit, die kurz vor Weihnachten anfällt, habe ich ganz übersehen, dass der Begriff „Weblog“ am 17. Dezember zehnjähriges Jubiläum hatte. John Barger gilt hierfür als Namensgeber, was somit eines der wenigen festgeschrieben Eckdaten im Rahmen einer „Geschichte des Bloggens“ wäre. Mit der fehlenden Festschreibung habe ich mich gerade jetzt im Oktober und November intensiv beschäftigt, da die aufwendige Recherchearbeit für meinen Aufsatz für den Ausstellungskatalog notwendig wurde.

Letztendlich durch wichtige Hinweise von Jörg Kantl und Kris (hier ein großes Dankeschön) habe ich jetzt das Gefühl mir einen relativ guten Überblick über die „Geschichte des Bloggens“ erarbeitet zu haben, zumindest was den deutschsprachigen Raum angeht. Leider ist die Recherche letztlich viel zu kleinteilig geworden und wird sich in diesere Gänze gar nicht in meinem Katalogartikel widerspiegeln. Immerhin für meine Dissertation über „Medienamateure“ habe ich so nebenbei massig Material gesammelt, was das latent schlechte Gewissen der Dissertation gegenüber ein wenig beruhigt.

Ich komme auf dieses Thema, weil ich (via den Kommentaren bei Jan Schmidt) auf einen Text von Benedikt Köhler gestossen bin, der sich auch gerade mit dieser „Archäologie des Bloggens“ beschäftigt hat. Der Titel passt natürlich, ist zudem mit dem Titel eines Texts von Jörg Kantel identisch, den er 2002 schrieb und darin versucht hatte, das Weblog als digitales Format einzuordnen. Was mir beim Text von Benedikt Köhler auffällt ist, dass sich hier Formate vermischen. Zum einen gab es Online-Tagebücher, womit ich Tagebücher auf privaten Homepages meine, und später gab es es mehr oder weniger aufwendige Redaktionssysteme, also eine Software, womit für mich das Sein als „Weblog“ beginnt. Das später die Online-Tagebuchszene und die Blog-Szene sukzsessive ineinander übergingen macht im Nachhinein die Datierung nicht einfacher.

Ich persönlich sehe den Anfang deutschsprachiger Weblogs bei Helma. Man muss sich das nur mal über die Wayback-Machine ansehen. Schon 1998 sieht die Seite so aus, wie man sich mehr oder minder ein Weblog (allerdings mit mehreren Autoren) vorstellt. Melody schrieb hingegen in einem Online-Tagebuch (was heute in ihrem Blog archiviert ist), bald schon durch den Wellenbrecher-Tagebuchring als Mitbegründerin und Teil einer „Community“. Damit war sie längst nicht die früheste Online-Tagebuchschreiberin, Herr Minusmann begann ein wenig zuvor, und ich bin sicher, dass sich auch noch älteres finden liesse.

Nebenbei finde ich den Zeitstrang von Köhlers „Blog History Project“ als Werkzeug beeindruckend, nur ungenau, was als Blog oder Online-Tagebuch daher kommt und es fehlt noch einiges, gerade was den Zeitraum Ende 1999 und das ganze Jahr 2000 angeht.

Apropos Kommentare: das Online-Tagebuch von John Baez, welches im Kommentar genannt wird, kannte ich noch nicht und bin für den Hinweis sehr dankbar.

Erstveröffentlichung auf http://tagwerke.twoday.net

Re:publica – Journal = Journalist?

Bei der Re:publica in Berlin

Wenn Zeitungen über Weblogs berichten, steht dort oft, Weblogs seien Internettagebücher. Eine für mich wichtige Frage ist, ob diese Formulierung aus einer gewissen Hilflosigkeit heraus gewählt wird, das neue technische Format zu beschreiben oder geschieht das mit Absicht, indem man das vermeintlich Laienhafte, Unprofessionelle betont. Noch haben Blogs hierzulande nicht die großen Öffentlichkeiten wie in den USA, noch wird der Wahlkampf hier nicht ebenso im Internet geführt, wie in Frankreich. Aber etwas ist im Wandel.


Re:publica


Die Medien(r)evolution. Wie überholt sind die alten Medien, wie innovativ die neuen?
So das Thema der Gesprächsrunderunde. Der Raum war voll besetzt. Auf dem Podium saßen repräsentative Medienvertreter. Nicht ohne Grund, dass genau in dieser Diskussion für die Nachrichten gefilmt wurde (Nachtjournal, 13. April). Die Moderation hatte Tim Pritlove (u.a. Chaos Computer Club) übernommen. Er diskutierte mit Mercedes Bunz (Chefredakteurin vom Tagesspiegel Online), Jochen Wegner (Chefredakteur von FOCUS Online), Thomas Knüwer (Reporter in der Redaktion Handelsblatt) und Johnny Haeusler (Gründer von Spreeblick-Blog). Merces Bunz begann, in dem sie erzählte, dass ihre Wurzeln bei selbstproduzierten Fanzines lägen. Auf Papier, denn man hätte sich das Medium ausgesucht, was am besten passte. Jetzt arbeite sie online. Der Trend gehe hin zur Entwicklung von Blätter-Funktion für Online-Zeitungen, generell wäre Design gerade ganz wichtig. Dass, was früher „Quellen“ waren, die erst abtelefoniert werden mussten, wird heute durch Links ersetzt. Knüwer nahm das auf: „Die Nutzen von Links sind bei deutschen Journalisten noch heute unterbewertet.“ Es gäbe derzeit einen Umbruch in der Medienlandschaft, der emotional stark aufgeladen sei. Die einen wären Pro-Online, die anderen Contra-Online, mit der Forderung nach Solidarität, da sie ihr altes Arbeitsumfeld in Gefahr gebracht sähen. Unbestritten sei jedoch: „Das Internet ist das Nr.1-Schnellinformationsmedium“.


Re:publica


Johnny Hauesler sagte daraufhin, dass es ein ganz anderes Schreiben sei. Man könne in Print keine Links setzen. Was dazu führe, dass viele Blog-Texte, in Print überführt, kaum lesbar wären. Diese Artikel würden nicht für sich alleine funktionieren. Es gäbe zudem große Vorurteile den Blog-Texten gegenüber, in der Art von: „Weblogs hab ich mal reingeguckt. Das versteh ich nicht. Die kennen sich alle, sind eine Comunity: da komm ich nicht rein.“ Was ja so nicht sei. Die meisten Blogger würden sich nicht kennen, außer über ihre Kommentare. Mehrere Spreeblick-Autoren waren zu diesem Zeitpunkt im Raum unterwegs und verteilten eine „einmalige“ (Haeusler) Print-Sonderausgabe von Spreeblick zur Re:publica.


Re:publica


Moderator Pritlove wandte sich dewegen an Haeusler: : „Herr Haeusler – Sie sind ja jetzt im Printbusiness – ist Print die Zukunft von Online?“. Online könne man andere Dinge machen, so die Antwort. Und Bunz setzte nach. „Wie innovativ sind die alten Medien?“. Tim Pritlove bekannte, dass er ein Print-Agnostiker sei und warf die Frage auf, ob in Zukunft der Produzent alles sei, was übrig bliebe? Es gäbe keine Homepages mehr, nur noch die individuell gewünschte Information in Einzelteilen als RSS-Feeds. Dies führte zur großen Frage, ob man denn die Bloggerwelt überhaupt brauche.

  • Wegner: „Die Blogosphäre bezieht sich noch auf alte Medien.“
  • Häussler: Man könne auch nicht sagen, sie sei glaubwürdiger, denn „Glaubwürdigkeit ist ganz schwierig. Weil es mit Glauben zu tun hat. Du glaubst einer Quelle, weil du Erfahrungen mit ihr gesammelt hast. Das braucht Zeit. Ich kann irgendeiner Webseite nach 2-3 Wochen ebenso glauben wie dem FOCUS“
  • Knüwer: „Die schnelle Nachricht steht im Internet und die lange Nachricht im Print.“
  • Wegner: „Das ist ja Unsinn. Lang funktioniert. Das merkt man daran, weil man Texte ab einer bestimmten Größe zerteilen muss. Und die Leute lesen das.“
  • Knüwer: stimmte dem zu, aber dieses optimal rüberzubringen sei im Internet schwieriger.
  • Bunz: „Man liest mittlerweile Längerers im Internet. Da kann man nicht sagen: Print ist lang und Internet kurz und schnell.“

Abschießend: „Die Revolution liegt in der Demokratisierung der Produktionsmittel“. Sie gehe gegen niemanden und sei gleichzeitig ein Angriff gegen die traditionellen Medien.


Re:publica


Der Empfänger als Sender. Der „Citizen Journalism“ lässt die Redaktion rotieren, doch bewegt er auch die Bürger?
Die Reihen im Saal lichteten sich etwas, denn nun wurde die Kehrseite der Medaille diskutiert. Das heißt, nicht nur „Die Medien“ reagieren auf die Veränderungen im Internet, auch die User (die nun in Web 2.0 all den Content generieren) ändern bzw. erweitern ihre Inhalte. So wird das Bild der „offiziellen“ Medien durch private lokale Berichterstattung von Blogs und lokalen Plattformen ergänzt. Und in Fällen, wie bei Schließungen von Lokalzeitungen, vielleicht in Zukunft sogar ersetzt.
Falk Lüke moderierte das Panel, auf seiner rechten Seiten saßen Katharina Borchert(WestEins,Lyssas Lounge) und Jörg Kantel (Schockwellenreiter), zu seiner Linken Jens Matheuszik (Pottblog) und Hugo E. Martin (Readers Edition).

Citizen Journalismus (oder auch: Graswurzel Journalismus) sei nur dann wirklich möglich, so Jörg Kantel, wenn dem Bürger das Medium auch gehöre. Ein mögliches Projekt, die Readers Edition, wurde vertreten durch Hugo E. Martin, diese käme der Idee des Citizen Journalismus ziemlich nahe. Obwohl sich kein Schreiber auf der Plattform als Citizen Journalist bezeichnen würde, so Martin, es gehe eher um „Veröffentlichungen allgemein von Jedermann“. Als Blog-Beispiel saß Blogger Jens Matheuszik am Tisch. Auf die Frage, seit wann er denn Citizen Journalist sei, antwortete er: „Erst seitdem ich dafür eingeladen worden bin, ich war bisher nur Blogger.“ Falk Lüke erklärte, dass auf Pottblog regional politische Themen aufgegriffen worden seien, beispielsweise die Kommunardisierung der Sparkassen. Katharina Borchert, ehemals aktive Bloggerin (seit sie für die WAZ-Gruppe arbeitet, wurden die Einträge auf ihrem Blog spärlicher) sagte, dass man in Blogs Dinge aufgreifen kann, die in der regionalen Berichterstattung zu kurz kämen. Kantel antwortet, dass diese Aufgabe urpsrünglich von einer regionalen Lokalzeitung wahrgenommen wurde, bis diese aber aus Profitgründen (hier mehr dazu) geschlossen wurde. Manche Orte, wie auch Neu-Köln in Berlin, fänden einfach nicht mehr in den Medien statt. Borchert: „Es hat immer Themen gegeben, die in den Zeitungen nicht stattgefunden haben.“ Der Erfolg von Lokalzeitungen sei möglich, so Matheuszik, allein in Queens gäbe es 55 lokale Zeitungen.


Re:publica


Jörg Kantel plädierte gegen Plattformen, sondern es wäre wichtiger, vorhandene Blogs thematisch zu vernetzen. Katharina Borchert, die z.Z. an einer Blog-Plattform bei Westeins arbeitet, fragte, was dagehgen spräche, wenn ein Verlag das machen würde? Kantel: „Es spricht die Redaktion dagegen und die Schere im Kopf“. Hugo E. Martin verwies in den Zusammenhang auf ein Projekt aus den USA, so genannte Place-Blogs, allein 400 Blogs aus Deutschland gehörten dazu.

Zuletzt kam dann doch noch die Frage auf, was denn der Unterschied zwischen Blogs und Citizen Journalismus sei.

  • Kantel: „Ein Blog ist ein CMS. Was ein erfolgreiches Blog ausmacht, ist der Autor, der dahinter steht. Mit Blogs und Bloggen kann man andere Sachen machen als der klassische Journalismus.“
  • Matheuszik: „Im Blog kann ich schreiben, was ich will. Die ‚Readers Edition‘ interessiert es nicht, wie ich beispielsweise einen Streifzug durch Möbelgeschäfte beschreibe.“
  • Kantel: der Besitz der Produktionsmittel sei von Bedeutung. Neu daran sei, dass es billig wäre. Das Neue sei der Vertriebsweg, das Netz sei kein Massenmedium. „Das Netz nimmt es mir nicht übel, wenn ich für 80 schreibe, für 8 oder für die Oma in Amerika.“

Ausblick: In Zukunft würden Formen wie Pod-/Vodcasting sowie Moblogging noch viel wichtiger werden

Mehr zu den beiden Diskussionen auch bei heise online.



Aktualisierte Version der Erstveröffentlichung auf http://tagwerke.twoday.net (Archive.org)

Plädoyer für den Dillettantismus

Auf der Re:publica in Berlin

Ich wünschte mir gerade eine Lobby für Tätigkeiten ohne Renomée. Am ersten Tag der Re:publica noch hoffnungsvoll gestimmt, fällt mir seit dem zweiten Tag die Abwesenheit von etwas, was ich hier eben auch erwartet hatte, immer deutlicher auf. Was es genau ist? Vielleicht so etwas wie die stärkere Thematisierung einer Blogger-Kultur? Oder besser: Bloggen als kulturelle Praxis? Ich kann es schwer in Worten fassen.


Re:publica


Der Blogger, der mir hier repräsentiert scheint, sucht nach Möglichkeiten Geld mit seiner Tätigkeit verdienen. Dabei will er nicht der totale Buh-Mann sein. Bestimmte Sachen, die nicht Blog-„PC“ sind macht er natürlich nicht, aber er sagt durchaus „Hallo“ zu Google-Ads („ich mag euch nicht, aber immerhin spielt ihr mir meine Hostingkosten wieder rein“) und „Ja“ zu gekennzeichneten Produkttests. Adical tut auch nicht weh. Er ist nach eigenem Anspruch so etwas wie ein extrem subjektiver Journalist. Am besten packt er gleich mal seine besten Blogbeiträge als Portofolio zusammen und dokumentiert zudem die Fähigkeit, ellenlange Kommentarstränge zu generieren und geschickt zu moderieren. Wenn er damit nicht erfolgreich wird, kann er immerhin lokal vernetzt (Citizen davor oder nicht) als Schreibender zu einer Medienplattform gehen oder es fällt ihm sicherlich sonst noch eine Form der Professionalisierung oder Vernetzung ein. Wenn gar nichts klappt, geht er nach Berlin und gründet einen „total einfach zu handhabenden“ Webservice.

Des Bloggers Kunst ist das richtige Benutzen von Tags und RSS-Feeds, die man abonniert, statt auf all die verlinkten Seiten seiner Blogroll zu gehen. Die Blogroll gibt es dennoch weiterhin, denn damit positioniert er sich. Er geht durchaus noch zu ausgewählten Blogs, dem Blog-Feuilleton, um ein bisschen Atmosphäre einzuatmen, sozusagen als Wellness-Oase im gewaltigen Strom der Röhren.

Was ist eigentlich mit den Medienamateuren, den Dilettanten? Scheint nicht sehr erstrebenswert zu sein. Der Ruf zu schlecht, der Lohn zu niedrig. Der Dilletantismus hat eine schöne Tradition. Da kann man mit den Schäferspielen im Barock anfangen und mit der musischen Bildung, die ja immer noch gesellschaftlich gewollt ist, aufhören.

Vor kurzem hat mir eine Bekannte von einer Frau erzählt, von deren Wohnung sie extrem beeindruckt war: Diese Frau wohnt in einer großen Hochhaussiedlung. Ihre Eiche-Rustikal-Wohnzimmerwand ist von oben bis unten mit buntem Zuckerguss verziert. Sie will weder Zuckerbäckerin werden, noch Innenarchitektin. Sie findet einfach nur den Zuckerguss auf ihren Möbeln schön.



Aktualisierte Version der Erstveröffentlichung auf http://tagwerke.twoday.net

Re:publica – Leben im Netz

Auf der Re:publica in Berlin

Die erste „echte“ Blog-Konferenz, so hieß es im Vorfeld. Zur Re:publica kämen fast nur Blogger. Und so war es dann auch: Drei Tage voller Vorträge, Workshops, simultan bloggenden Teilnehmern und Kommentaren auf einer SMS-Wand im Vortragsraum. Drei Tage, die aber auch die Bandbreite von Weblogs verdeutlichten. Marketing-Instrument, neuer Journalismus oder doch „nur“ Online-Tagebuch? Blogger allüberall und keiner glich dem anderen.

Re:publica


„Leben im Netz“, so der Untertitel der Re:publica, dieses suggeriert erstmal eine Nähe zu unserem Ausstellungsprojekt im Museum für Kommunikation. Lebt nicht jeder „Tagebuch-Blogger“ mit seinem Blog irgendwie im Netz? Ein Online-Leben in der Art und Weise, wie Andrea Diener bei unserem Expert/innenworkshop meinte, „ihr Blog sei ihr Wohnzimmer“? Doch spätestens bei einer solchen Veranstaltung bricht jede Illusion der Homogenität zusammen. Auch wenn einem vorher durchaus klar war, dass es diese gar nicht geben konnte, jedoch nur selten bekommt man es so augenscheinlich vorgeführt. Ganz unterschiedliche Motivationen brachten 800 Blogger zusammen. So ist mir der erste Re:publica-Tag als der „Leben im Netz“-Tag, der zweite als der „Marketing“-Tag und der dritte als „Journalismus“-Tag im Gedächtnis geblieben. Aus der Fülle dessen möchte ich einige ausgewählte Vorträge, bzw. Paneldiskussionen herauspicken, die mir für unser Projekt besonders interessant scheinen.

Tag 1: Leben im Netz

Jan Schmidt begann seinen Vortrag „Mythen der Blogospäre: Wie wir bloggen“ (PDF) mit einem Vorgriff auf sein Fazit: Mit einem Plädoyer für den Long Tail. Die Blogosphäre sei vielfältig und es stelle sich die Frage, ob man überhaupt von „dem Blog“ reden könne. Wenn man das technische Format als kleinsten gemeinsamen Nenner nähme, dann würde es gehen. Es funktioniere aber nicht mehr, wenn es um die Benutzergruppe, Inhalte oder bestimmte Praxen ginge.
Drei gängige Mythen hatt sich Jan Schmidt rausgesucht:

  • Mythos 1: Blogger als Nerds („Blogger sind übergewichtig und haben Dreitagebart“). Dieser Mythos fuße auf einer Internet-Unfrage (13.000 Teilnehmer), die oft in den klassischen Medien aufgegriffen worden sei, die aber in keiner Weise representativ wäre. Es wurden nur Nutzer einer bestimmten Internet-Community befragt, die zudem alle über 18 Jahre alt gewesen seien. Die bestätigten gängige Vorurteile, die aber falsch seien. „Die Blogosphäre ist weiblich!“, so Schmidt und belegte dies sogleich mit drei seriöseren Umfrage-Ergebnissen.
  • Mythos 2: Gegenöffentlichkeit („Weblogs machen jeden zum Journalisten“). Dies sei ein Mythos der von Bloggern selbst gerne gepflegt werde. Der Blick in die „Blogcharts“ mache schnell deutlich, nicht Blogs, sondern die klassischen Medien seien immer noch Hauptreferenzquelle bei den Weblogs. Noch ist die Funktion der Gegenöffentlichkeit (zumindest in Deutschland) nicht die Wichtigste.
  • Mythos 3: Irrelevanz („99% aller Weblogs sind Müll“). Die Banalisierung von Weblogs käme nicht nur von Außen, sondern auch von Innen (klassische Schmähungen wie „Katzencontent“ oder „Strickblogs“). Grund sei die Abgrenzung nach unten („Ich mache richtiges Bloggen“). Das Teenie-Blog werde abgewertet, um den Blogger selbst aufzuwerten. (Hier zeigte Schmidt denAufmerksamkeits-Graphen, welcher die Öffentlichkeiten für die A-List und den Long Tail verdeutlichte, den er ja auch schon bei uns beim Expert/innenworkshop vorgestellt hatte. )
Wer definiere, was Bloggen sei? Die A-List-Blogs? Also die Blogs, welche die größte Aufmerksamkeit in der öffentlichen Wahrnehmung von Blogs erhalten? Fest stehe: Was bloggen ist, werde ständig ausgehandelt. Resümierend meinte Jan Schmidt, dass es verschiedene Verallgemeinerungen gäbe, die von ganz unterschiedlichen Seiten gepflegt würden. Aber: „Will man das Bloggen ernst nehmen, muss man den Long Tail ernst nehmen.“Auf Jan Schmidts Vortrag bezieht sich als „altes“ Medium ein Artikel in Freitag. Aber auch unter Bloggern wird das Thema diskutiert. Thilo Baum macht sich Gedanken zum Long Tail und Andrea Diener blickt aus der Ferne auf die Re:publica und wird sentimental.

Re:publica


Gleich im Anschluss fand sich die Diskussionsrunde zu „Leben im Netz? Leben wir im Netz oder tun wir nur so?“ ein. Hierauf war ich sehr gespannt gewesen, in der Ankündigung stand: „Soziale Netze, Second Life, Kontakte und Freunde ohne Ende – wie viel hat das Online-Leben mit dem echten zu tun? Ist unser Verhalten in den Communities ein Spiegel oder eine Neuerfindung unserer selbst?“. Einzig Don Dahlmann (vom Beruf Journalist und hier als Moderator) war mir vorher schon als Blogger vertraut gewesen. Sein Blog ist in der letzten Zeit journalistischer geworden, weniger privat, früher hat er sehr schöne, manchmal sentimentale, persönliche Geschichten geschrieben. Das weitere Panel bestand aus Silke Schippmann (XING, Senior Managerin im Bereich Community Management), Nicole Simon (European New/ Social Media specialist) und Matthias Oborski(schreibt beruflich für Blogs).Don Dahlmann fragte sogleich, wie es sich im Netz lebe? Darauf antworte Nicole Simon, ob man sich denn rechtfertigen müsse, wenn man online lebe? Sie habe damals schon mit BTX angefangen: „Das Netz ist ein Abkürzungsweg zu den Dingen, die mich wirklich interessieren“. Und auch Silke Schippmann bestätigte: „Ich muß mich zusammenreißen, nicht online zu gehen“. Die Grenze zwischen Freizeit und Beruf würde leicht verschwimmen. Aber dafür bekäme sie jetzt für etwas Geld, was ihr sowieso Freude bereite. Matthias Oborski schloss sich dem Grundtenor an: „Das Netz ist wie Sauerstoff“. Ohne Netz sei es für ihn, wie auf einem Abenteuerurlaub, ohne fließend Wasser. Es folgte eine Frage nach dem „Second Life“ von Dahlmann: Hype oder Nicht-Hype? Simon antwortete: „Jedes Medium hat eine andere Nutzergruppe“. Sie träfe dort andere Menschen als in Blogs. „Es ist anders als andere Spiele, ich muß mich nicht anstrengen, ich kann einfach sein.“ Second Life sei das erste Spiel in den virtuellen Welten, wo sie sagen könne, dass sie sich wohl fühle.

Re:publica


Das Spannungsverhältnis von privater und beruflicher Zeit im Internet schnitt Dahlmann als nächstes an: Wenn man schon schon beruflich so viel im Internet sei, ob man dann noch unbedingt privat dort Zeit verbringen müsse. Oborski gab zu, er höre oft, dass er doch mal in der „echten“ Welt leben solle. Und Nicole Simon betonte: „So wie ich online bin, so bin ich auch in der realen Welt. Es gibt welche, die sind online anders sind, aber mit denen will ich nichts zu tun haben“. Die Aussage war schon deswegen interessant, da man später (nach einen Ausflug zu Trollen und Xing) wieder auf das Thema „Authentizität“ zurückkam und Matthias Oborski die Frage anstieß, ob das Netz einen zwänge, ehrlicher zu sein. Darauf antworte Simon, man sei abrufbarer geworden und deshalb überprüfbarer. Eine Fassade aufrecht zu erhalten, sei dauerhaft zu anstrengend. Auch Silke Schippmann bestätigte, dass – anders als in der Frühzeit des Internets – man nun authentischer sein müsse: „Wenn alles gespeichert wird, was geschrieben wurde, dann wird nach 5 Jahren noch rausgesucht, was der aktuellen Meinung widerspricht und gegen einen als Waffe genutzt werden kann.“ Don Dahlmann erzählte daraufhin, dass ihm das in seinem Blog genauso schon widerfahren sei. Minuten nachdem er sich selbst widersprochen habe, hätte er eine Mail samt Link zu einem früheren anders gemeinten Eintrag bekommen. Seine Frage ans Podium: „Ist das für euch eine Bremse und schreibt ihr deswegen Dinge nicht mehr rein?“. Oborski: „In der Zeit vor Google schrieb man ins Usenet was man wollte. Das kann man heute auch lesen: Ich poste kaum noch was privates und wenn dann so verschlüsselt, dass nur die, die dabei waren es verstehen.
Über die beiden Vorträge schreibt auch The Daily Mo .


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