Silversurfer

Bloggen im Alter

Meine Mutter weiß mit Weblogs nichts anzufangen, sie hat noch nicht einmal Zugang ins Internet, aber meine Mutter ist nicht represenativ. Dann liest man von über 90jährigen Blogger/innen und denkt sich, die sind doch genausowenig representativ. Doch wieso komme ich auf das Thema? In der taz gab es einen Artikel über die 95-jährige María Amelia López, die erst vor knapp einen Jahr mit Bloggen angefangen hat und in Spanien damit viel Aufmerksamkeit erregt hat. Gerade dann, wenn man immer weniger mobil wird, kann das Internet und die Kommunikation im Blog ungemein nützlich werden.

Das hat nicht nur María Amelia López erkannt, die ihr Blog von Ihrem Enkel geschenkt bekam, sondern auch andere „Alte“ bloggen recht vergnügt vor sich hin. Dabei ist María Amelia López in guter Gesellschaft, auch wenn die wenigsten ihrem Alter nahekommen. Die über 60-jährigen entdecken das Internet immer mehr für sich, das haben auch dieses Jahr die ARD und das ZDF in ihrer Onlinestudie festgestellt:

Mit 5,1 Millionen Über-60-Jährigen sind erstmals mehr „Silver Surfer“ im Netz als 14- bis 19-Jährige (4,9 Millionen) .

Als vermeindlich älteste Bloggerin gilt die 108 Jahre alte AustralierinOlive Riley , obwohl ich persönlich behaupten würde, dies ist eher ein Blog über als von Olive Riley. Ziemlich viel Medienaufmerksamkeit hat Peter Oakley als geriatric1927 auf YouTube erlangt, nachdem er regelmäßig Videos einstellte, in denen er „von früher“ erzählte. In Schweden gibt es eine schöne Seite von Allan Lööf und in Deutschland wäre Joachim Walther mit seinem Oldblog zu nennen. Weitere Blogs hat Thomas Gigold in einem Artikel über Silver Blogger bei den Blogpiloten aufgelistet.

Da ich das Thema total spannend finde, habe ich im Rahmenprogramm unserer Ausstellung einePraxis-Seminar-Reihe entwickelt, die sich an Leute ab 55 aufwärts richtet. Hier schaut man sich verschiedene Formate an, mit denen man autobiografisch im Netz arbeiten kann, das geht von Blogs, Online-Bilderalben bis hin zu Video- und Audiobeiträgen. Schön ist, dass das gleich praktisch umgesetzt werden kann, denn je einfacher die Umsetzung, umso höher die Chance, dass das dann daheim auch alleine genutzt wird.

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Druckfrisch

Der Tagebuch-Kalender zur Ausstellung ist angekommen

Gerade eingetroffen: Die ersten 20 Stück. Wunderbar in der Hand liegende Tagebuch-Kalender.

Das Papier ist leicht gelblich, mit schön angerauhter Oberfläche. Ein olivfarbenes Lesebändchen hat es innen auch noch. Immer während ist er, denn für jedes Jahr als Kalender oder für persönliche Eintragungen wieder nutzbar.
November 2007: Der Jahreskalender mit Tagebuchzitaten
Es gibt Tagebuchzitate für jeden einzelnen Tag im Jahr, genau an diesen Tag geschrieben, von bekannten und unbekannten Tagebuchschreibern oder Bloggern. Nur in unserem Museumsshop im Museum fürMuseum für Kommunikation Frankfurth.

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Der Start des KOMM-PODcast

Das Ergebnis des Podcast-Workshops

Am Wochenende fand der erste Podcast-Workshop bei uns im Museum statt. Insgesamt drei Audiostücke haben wir produziert und „ganz uneigennützig“ wurde der Beitrag von meiner Kleingruppe ein Interview zur Tagebuchausstellung. Das Interview geführt hat Regine Meldt, unsere Pressereferentin, die überlegt, auch in Zukunft das Podcast-Format für das Museum zu nutzen. In England und den USA gibt es ja schon einige interessante Beispiele für Museumpodcasts.

Bei der MAI-Tagung im ZKM hat Lena Maculan einen sehr guten Vortrag über den Stand internationaler Museumpodcasts gehalten, sie forscht derzeit an der University of Leicester dazu. Den Ansatz ihrer Forschung stellt sie auf einer Seite der „Museum Studies Leicester“ vor.

Unser selbst produziertes Podcast-Interview ist im Vergleich noch etwas holprig, aber von hier aus kann man jetzt weiter experimentieren. Und was mir sehr wichtig ist, dass man am konkreten Beispiel den Umgang mit Audioprogrammen üben konnte. Jetzt heißt es nur noch dabei bleiben und weiter ausprobieren!
Eines der anderen Podcasts haben wir offiziell bei unserem Podhoster online gestellt, dieses geht in eine Richtung, die uns ziemlich gut gefällt.

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Motivsuche

Unser Grafiker bei der Arbeit

Nach der schweren Geburt unseres „Absolut privat!?“-Schriftzuges, ist unser Museumsgrafiker derzeit damit beschäftigt, Ideen für Plakat und Katalogdeckblatt zu sammeln. Wann immer man in sein Studio geht, arbeitet er intensiv in seinem Layoutprogramm an diversen Ideen.
26. Oktober 2007: Motivsuche für das Plakat
Oder es gibt spontane Fotosessions im Flur, bei denen eine Praktikantin ein Tagebuch oder Notebook in die Hand nimmt, festhält, unter den Arm klemmt, in die Tasche steckt. Die Zahl der Möglichkeiten ist unbegrenzt. Nächste Woche wird er uns drei Entwürfe vorstellen. Ob der mit dem I-Book und dem Stift in der Hand dabei sein wird?
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Alles findet seine Form

Von der Arbeit an der Ausstellungsarchitektur

Noch knapp 4 Monate bis zur Ausstellungseröffnung und wir stecken seit September in aneinderfogenden Abgabeprozessen. Zuerst die Arbeit am Tagebuchkalender, jetzt das Zusammenstellen der Objekte und Abbildungen für die Architekten und über allen schwebt zudem der Katalog: Texte einholen, redigieren, Bilderbeschaffung und immer wieder Lagebesprechungen.
Oktober 2007: Skizzen von Ausstellungseinheiten als Vorgabe für die Architekten
Diese Woche habe ich Architekturskizzen für die Architekten gezeichnet, um am besten zu verdeutlichen, welche Objekte zusammen gehören. Aus diesen Vorgaben gestalten unsere Architekten bis Ende der Woche Ansichtsmodelle, die unter Umständen meiner Anfangsskizze gar nicht mehr so ähneln (was für die Architektur nur von Vorteil sein kann). Alles was bis jetzt an Architekturpräsentation kam, schürt nun auch für Freitag große Erwartungen.Es ist großartig, wenn man das, was man sich im Kopf ausmalt und mitunter in langen Konzepten ausgebreitet hat, plötzlich komprimiert und anschaulich in Form gesetzt sieht.

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Transport Emmendingen

Ein Reisebericht

Morgens, halb neun in Deutschland… wer glaubt, dass dies die Einleitung zu einem wunderbaren, schokoladigen Frühstück war, täuscht. Der Morgen am 11. Oktober war eiskalt und Nebel verhangen. Und: der Beginn eines kleinen Abenteuers!

Treffpunkt Hanau Hauptbahnhof. Eva Bös kommt aus Gießen angefahren, um mich mitzunehmen nach Frankfurt. Eigentlich wollen wir kurz nach 9 schon auf der Autobahn gen Süden sein, aber der morgendliche Verkehr macht uns schon bei der Anreise einen Strich durch die Rechnung. Der Zeitplan ist eng gestrickt: Morgens nach Emmendingen, Nähe Freiburg düsen, im Tagebucharchivdie Leihgaben für die Absolut-privat!?-Ausstellung einladen, und gleich wieder zurückdüsen. Bis spätestens 19 Uhr müssen wir wieder in Frankfurt sein, sonst ist das Museum geschlossen und wir können die fragilen Tagebücher über Nacht, in der Kälte, in irgendeiner namenlosen Straße Frankfurts parken… Lieber nicht!

Endlich im Museum am Schaumainkai angekommen, müssen wir zuerst die Regularien der Dienstwagenausleihe bestehen. Gegen halb 11 sind wir endlich abfahrbereit und wenige Minuten später auch schon auf der Autobahn Richtung Freiburg. Die ist mäßig gefüllt, hauptsächlich die LKW´s nerven. Der Dienstwagen, ein weißer Ford Galaxy, fährt sich super, sobald frei ist, geben wir Gas und lassen die nebligen Täler hinter uns. Nach gut 3 Stunden kommen wir endlich an.
Oktober 2007: Bei der Abholung der Leihgaben im Deutschen Tagebucharchiv
Es ist jetzt 13 Uhr. Die Kollegen vom Tagebucharchiv warten natürlich schon auf uns. Gut 250 Bücher und Hefte sollen transportiert werden. Sie sind bereits vorverpackt in säurefreie Kartons und Mappen. „Wo packen Sie die Sachen eigentlich rein?“, fragen uns die Kollegen – und wir uns dann auch. Ja, Verpackungsmaterial und Kisten haben wir im Trubel ganz vergessen. Peinlich. Zum Glück ist direkt am Ortseingang von Emmnendingen ein riesiger Baufachmarkt, wo wir schnell noch ein paar graue Kisten kaufen. Der Abstecher hat den Zeitplan gehörig durcheinander gebracht. Mittlerweile ist es 14 Uhr. Zurück im Tageburcharchiv geht Eva Bös Stück für Stück die Stapel an Mappen und Kartons noch mal genau durch. Einzelne Hefte werden kurzerhand aussortiert.
Oktober 2007: Bei der Abholung der Leihgaben im Deutschen Tagebucharchiv
Die Mappen passen perfekt in 2 Stapeln in die Kisten, die ich ins Auto verlade, während Eva nochmal kurz ins Archiv geht. Zwischen die Kisten verteilen wir die Kartons, alles sitzt fest und kann beim Fahren nicht hin und her rutschen. Gut, dass wir noch in Frankfurt die Sitze ausgebaut haben, sonst wäre es eng geworden (Danke für den Tipp, Tine!).

Oktober 2007: Bei der Abholung der Leihgaben im Deutschen Tagebucharchiv

Mittlerweile ist es halb 4. Wir flitzen noch schnell zu einem Bäcker am schönen Marktplatz direkt gegenüber des Tagebucharchivs. In schnellen Bissen genehmigen wir uns das erste Essen für den heutigen Tag. Für mehr ist keine Zeit. Ab auf die Autobahn nach Frankfurt. Um 2 Minuten vor 19 Uhr kommen wir am Museum an. Der Schließdienst will gerade alles zu machen, wir huschen noch schnell in die Tiefgarage, stellen das Auto samt Tagebüchern ab und fahren mit Evas Auto aus der Garage. Puh, das war knapp. Und chaotisch. Aber irgendwie doch perfekt getimt…

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Noch unterwegs

und schon in der Presse

Heute morgen sind Eva Bös und Isabell Koch ins Auto gestiegen, um in Emmendingen im Deutschen Tagebucharchiv einen großen Teil der Ausstellungsleihgaben abzuholen. Sie sind noch nicht einmal zurück, da flattert über den Ausschnittdienst des Museums folgende Online-Meldung der Badischen Zeitung ins Haus:

Von Emmendingen nach Frankfurt 

EMMENDINGEN Eva Bös ist begeistert: „So etwas findet man heute ja kaum mehr“. Die Mitarbeiterin des Frankfurter Museums für Kommunikation blättert aufmerksam in den wertvollen Beständen des Deutschen Tagebucharchivs, sichtet sie und packt die 100 interessantesten Exemplare in bereit gestellte Kisten und Sammelmappen. Gestern verliessen sie Emmendingen in Richtung Mainmetropole. Dort werden die bunten Bücher, Zettelsammlungen, Handschriften, Taschen- und Küchenkalender im Rahmen einer Ausstellung gezeigt. „Absolut privat!? Vom Tagebuch zum Weblog“, so lautet der Titel der Schau, die den Besuchern des Frankfurter Museums im März 2008 die unausschöpfliche Vielfalt des täglichen Schreibens vor Augen führen möchte. Das Schreiben im Tagestakt , ob im rosafarbenen Mädchentagebuch, dem „Journal intime“, dem literarischen Tagebuch oder im ganz spezifischen modernen Weblog des Internet interessiert die Ausstellungsmacher dabei gleichermaßen. Keine Frage, dass der Emmendinger Archivbestand dabei eine ganz zentrale Rolle spielen wird. Vor allem die Vielfalt der materiellen Form begeisterte die Frankfurter Ausstellungsmacher bei ihren Besuchen im Alten Rathaus. Die Leihgaben gehen danach weiter auf Reisen: Sie werden im Museum für Kommunikation Berlin und später noch in Nürnberg zu sehen sein.

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Von dem Problem mit sich selbst identisch zu sein

Blog-Tagung „ICH, WIR & DIE ANDEREN“

„Ich blogge, also bin ich“, so einfach könnte es sein. Doch bei dem Forum „Ich“ der Blog-Tagung im ZKMfragte man sich schon bald, welches Ich es ist, das bloggt. Und: Ist dieses Ich mit sich Selbst identisch? Peter Glaser, Vanessa Diemand, Don Alphonso alias Rainer Meyer sowie Peter Praschl nahmen Stellung in dem „Ich-Forum“ und manch einer der Vorträge war nicht nur spannend, sondern zugleich zutiefst berührend.

Die Begrüßung war schon fast zu Ende als wir ankommen, von der Seite sieht die Publikumstribüne sehr voll aus, doch das täuscht. Einzelne Plätze sind noch zu ergattern, natürlich irgendwo in der Mitte der Sitzreihen. Die Außenplätze sind – wie bei jeder Tagung – besetzt. Gerade noch hören wir, dass in Zukunft das“Museum als Content Management System der künstlerischen Art“ agieren müsse und schon wird Don Dahlmann als Moderator des Tages vorgestellt. Mittlerweile hatt sich Andrea Diener zu uns gesellt, allerdings nicht für lange, nach dem ersten Vortrag rückt sie sofort auf einen der freigewordenen Außenplätze nach. Fortan kann man sie höchstens wegen des gleichmäßigen Klackern ihrer Laptoptastatur wahrnehmen. Lifebloggen per excellence. Selten miterlebt, dass so treffend und mit so wenig Fehlern direkt gebloggt wird (hierhier und hier) und das in ausgefeilter 10-Finger-Choreografie.

Peter Glaser hält den Eröffnungsvortrag: „5000 Jahre in 1500 Sekunden. Momente des Übergangs: Von der Demokratisierung der Unsterblichkeit zu dem Gummizellen des Geistes“. Ohne Powerpointpräsentation, direkt vorgelesen, ein bißchen leise gar, doch höchst konzentriert auf das geschriebene Wort. Er spricht davon, dass nach der ersten www-Konferenz in Genf „das veritable Online-Universum expandierte“. Holt aus bis zu den Wassernetzen und Schrift“netzen“, die gleichzeitig in Ägypten entwickelt wurden, springt dann in die Zukunft, von der er sich Dinge, wie variable Links erhofft, die sich zu unterschiedlicher Tages- oder Jahreszeiten verändern . Kehrt von seinen Themenexkursen zurück zu einer fortschreitenden Entwicklung des Internets seit Mitte der 90er Jahre, dass sich damit auch die Metaphorik änderte, dass man nun mit Datensuperhighway etwas beschrieb, was zuvor noch digitale Dörfer waren. Und dass die Firmen, die das Internet zu nutzen begannen, gleichzeitig dessen Möglichkeiten fürchteten. Links auf ihren Seiten, die die Nutzer weg führen würden, obwohl diese doch verweilen sollten: „… mit einem Klick ist der Leser weg, die geschlossenen Systeme wie AOL und Compuserve sind vorbei“ und „alles kommuniziert wie verrückt“.

Es folge der Boom des „social networking“, man wolle damit tolle Dinge machen, wolle sich finden lassen, pinne seine Steckbriefe ins Netz. Und Glaser formuliert hier sogleich seine Sorge, dass die Kinder des Web 2.0 ihre privaten Daten gedankenlos gegen „Glasperlen“ von Firmen eintauschen. Oder: die Befürchtung, dass das Freie und Offene des Internets mit niederschwelligen Diensten im Cent oder Groschenbereich untergraben werde. Zugleich: „Massenmedien werden zu Medienmassen“. „Früher kam am vormittag die Post, jetzt kommt die Post dauernd“. Die Nutzer werden immer ungeduldiger. „Moderne Ungeduld: die Welt entwickelt sich in eine Reihe von Zwischendurchs“. Diese Kurzfassungen funktionierten durchaus, sagt Glaser, nur bei Belletristik eben nicht. Sein Ausblick ist die unterschätzte Macht der Faulheit. Früher wäre Sex der Motor für alles gewesen, heute sei es Faulheit. Statt „Sex sells“, heißt es nun „Faulheit siegt“: „Wirklich faule Menschen sind ungemein fleissig, um bald wieder faul sein zu können.“
September 2007: Ich, Du & die Anderen
Vanessa Diemand, die hier in der Doppelrolle der Organisatorin der Tagung und Referentin auftritt, spricht über: „Blogs. Ich-Konstruktion durch Autor und Leser“. Sie steigt mit einem Selbstbildnis Rembrandts ein. Ihr Ansatz, den sie später Richtung Blog ausweiten wird, ist, dass der Betrachter versuche, den Mensch hinter der Leinwand zu entdecken. Obwohl er eine bewußte Bildkonstruktion vor sich habe, würde beim Betrachter ein Bedürfnis nach Intimität befriedigt. Damit wechselt sie über zum „Ich im Blog“. Es gäbe eine Orientierung am realweltlichen Ich. Der Blog-Autor „konstruiert über Titel, Text, Fotos, Videos, amazon-Wunschlisten, Blogroll, Titel des Blogs, Benutzernamen etc. ein Online-Ich“, so steht es auf der Beamer-Wand, daraus schlußfolgert Diemand im Vortrag: „Diese Auswahl zieht wieder eine Fülle der Assoziationen, Zuschreibungen auf Seite der Leser nach sich.“ Der Leser bekäme das Gefühl es mit einer realen Person zu tun zu haben, statt einer erfundenen Rolle. Das gelänge, da bzw. wenn die Sprache nah am (vermeintlichen ausgemachten) Ich bliebe. Auf der Beamerwand steht dazu: „Idealtypische Konstruktion des Blogger-Ich aufbauend auf der Nähe und Privatheit einer ‚Hinterbühnendarstellung‘ (Goffmann 1984) und deren Identifikationspotential“. Genau hier läge das Problem, wenn Blogger plötzlich in ihrem Blog Produkte bewerben. Nicht dass das verwerflich wäre, nur dem Leser werde vorgeführt, dass er es mit einer steuerbaren Rolle zu tun habe, die Wahrnehmung des Authentischen werde dadurch aufgebrochen. Das Blog sei nun nicht nicht mehr „Wohnung“ (Johnny Haeusler) oder „Wohnzimmer“ (Don Alphonso), sondern (hier nennt sie Spreeblick als Beispiel) würde zum Büro oder zur Agentur. Sehr symphatisch wirkt die persönliche Anmerkung am Ende, dass es ein komisches Gefühl sei, Leute aus ihrer „Hinterbühnendasein“ als reale Person kennen zu lernen.
September 2007: Ich, Du & die Anderen
Bei der Vorstellung, leitet Don Dahlmann mit den Worten „Don Alphonso ist ein streitbarer Charakter, aber sicherlich kein Konsensjournalist“ zu Rainer Meyer über, der passend „Don Alphonso – Aus dem Leben einer Kunstfigur“ thematisiert (mehr dazu hier). Somit tritt realweltlich Rainer Meyer zum Podium, um zu erzählen, was es mit Don Alphonso auf sich habe, dass diese Figur aus einem Radio-Comedy-Projekt mit seinen Studierenden erwachsen sei und mit der Zeit ein Eigenleben entwickelt habe, in dass er quasi hineingewachsen ist. Dieses habe vieles von Rainer Meyer, werde mit literarisierten Alltagsbeobachtungen unterfüttert, ist aber gleichzeitig ein anderer, ein streitbarer, mitunter kontroverser Charakter, während er – Rainer Meyer – von Vaterseite bestätigt, eher „konfliktscheu“ und zudem sehr gut erzogen sei. Meyer: „Don Alphonso ist ein bißchen arrogant“. Was er allerdings als Don Alphonso über Werbung und Marketingstrategien in der Blogosphäre schriebe, dass sei auch so gemeint.
Die Kunstfigur sei eine Mauer, dadurch gelänge die Literarisierung. Sie sei ein durchsichtiger „Vorhang zwischen Publikum und Bühne“. Noch bei der Tagung vor 2 Jahren hätte er gesagt, es ging bei Blogs um Authentizität, doch nach einer Umfrage auf „Blogbar“ glaube er nun, es gehe er um Literarisierung. Es ginge nich um Berichte aus der Realität, die privaten Blogbeiträge wären eher etwas wie Gleichnisse.
Schwierig würde es, wenn eine Persönlichkeit zur Marke oder zum Image werde und schließt mit dem „Vetrauen in allen Verschiebungen der Realität einen realen Kern zu sehen“.
September 2007: Ich, Du & die Anderen
Als letzter des Forums „Ich“ spricht Peter Praschl. Fünf Jahre habe er ein Weblog gehabt: „Manchmal so manisch, dass ich gedacht habe, es hätte mich geschrieben“. Schöne Sätze folgen. Sätze, wie: „Also schreibe ich mich ein in das Einschreibesystem“. Ja, so war das, denke ich. Es folgen die Gründe, warum einen Blogs damals interessierten. Weil man wußte, dass da etwas sei. Man wissen wollte, wohin es führt. Denn alles führt irgendwohin. All das nun komprimiert in Praschls Worten. Eine Zeitreise.
Er spricht vom dem Wissen, dass es wohl die Chance gab gelesen zu werden, aber man gar nicht gewußt hätte, wer es wirklich tat. Blogs konnten nicht viel. Schreiben konnte man. Lesen konnte man. Erst später hätte man versucht, zu verstehen, so Praschl, weil es plötzlich welche gab, die sie wahrgenommen hätten, die man aber nicht gemocht hätte. Lieber sich selbst definieren als sich definieren zu lassen. Abends sei man nach Hause gekommen und begann einfach zu schreiben: „Ich schrieb ohne zu wissen, worauf es hinaus lief“. Um andere im Netz zu treffen, „Leute, die auch da saßen und Texte atmeten“. Praschl weiter: „Man mochte die Leute, die nichts anderes waren als ein anderer Textatem nach Mitternacht“. Aber es hatte nicht ewig so weiter gehen können. Es hätte Fragen von Außen gegeben und „irgendwann mußte man antworten“, den Wissenschaftlern, den Journalisten den PR-Leuten, alle wollten systematisieren. Man wäre ja auch stolz gewesen ein „Selbstausdruck des Internets“ zu sein. Doch plötzlich tauchten biografische Angaben auf, aber: „man wollte keine Biografie sein, sondern Biografie schreiben“.
Gut sei der Freestyle daran gewesen, dass man etwas sagen konnte, ohne dass es auf etwas hinauslaufen musste. Keine Selbstvermarktung, eher eine Selbstauflösung. Jetzt fühle es sich ein wenig an, wie im Frühruhestand. Aber „das Schöne sei, dass es das immer noch gibt“ (…), es „ist eben eine leise Art zu reden“.
September 2007: Ich, Du & die Anderen
Danach Diskussion. Kleine Scharmützel zwischen Rainer Meyer und Peter Turi. Dass die Kunstfigur Don Alphonso mit seinen Äußerungen reale Menschen träfe, die keine Kunstfiguren seien. Übrigens ein Punkt, der – egal wie wahr ein Artikel, ein Vorwurf eines Don Alphonso sein mag – ein zu überdenkender sein sollte. So verhallte Peter Praschls Rede im Tosen der Lauten, die rechtzeitig unterbrochen wurden, zur Erleichterung des Publikums, so dass man aufbrechen konnte, um unter hin und her schwingenden Lampen des ZKM zu Mittag zu essen. Der Nachmittag ein Rauschen. Schön. Interessant. Teilweise bizarr, durchaus unterhaltsam und viel zu früh zurück nach Frankfurt.

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ICH, WIR & DIE ANDEREN

Neue Medien zwischen demokratischen und ökonomischen Potenzialen II

Man hofft ja immer im Vorhinein, dass Tagungen tatsächlich so interessant sind, wie sie sich vom Programm her anhören. ICH, WIR & DIE ANDEREN, so der Titel einer Tagung im ZKM (Do-Fr, 13.-14.09.2007) hört sich erstmal ziemlich gut an. Heute morgen habe ich zudem via Rebellmarkt festgestellt, dass es ein Tagungsblog gibt. Dieses Blog hat wohl noch nicht viele Einträge, aber dort wurde sehr gelungen begonnen, die Arbeit im Vorfeld der Tagung zu dokumentieren.

So findet sich beispielsweise eine kurze Erläuterung, warum die Tagung genau so heißt, wie sie nun mal heißt. Selbst der Titel des Blogs (14 Tage) erklärt sich hier: „Gestern Nacht, 14 Tage vor Beginn der Veranstaltung, haben wir uns kurz vor knapp entschieden, ein begleitendes Blog einzurichten.
Eines hat das Lesen der Einträge zur Folge: dass ich mich heute noch offiziell anmelde, obwohl ich vorhatte, unangemeldet vorbeizuschauen. Man ist ja gewillt, die Nerven der Veranstalter schonen.

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Zu Besuch bei Teddy

Objektrecherche im Theodor W. Adorno Archiv

Ich war noch nie zuvor im Institut für Sozialforschung. Hundertemal bin ich schon daran vorbeigelaufen. Die Geschichte der Adorno-Ampel an der Senckenberg-Anlage habe ich genauso oft vergessen, wie sie mir erzählt wurde. Nun führte uns der Weg dorthin. Ziel:Das Adorno Archiv.

Die Objekte unserer Begierde waren zwei kleine Reisebüchlein. Zum einen das „Tagebuch der großen Reise“, 1949 (USA) sowie das Notizbuch „J“ mit Aufzeichnungen über die Reise nach Paris und Italien (1961). Diese sind in der Bildmonographie von Suhrkamp veröffentlicht und sehr anregend zu lesen. In den USA schimpft Adorno ausgelassen über seine Mutter. In Rom trifft er u.a. auf Ingeborg Bachemann. Gute Geschichten. Die Bücher sind im sehr guten Zustand, die Seiten vollgeschrieben mit Adornos kleinteiliger Schrift. Schöne Objekte, gerade für Frankfurt, mal sehen , ob man sie uns ausleiht…

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