Dark Romanticism

Mit Gothic habe ich lange Zeit eine Epoche der Kulturgeschichte oder eine Jugendkultur assoziiert. Auf den Begriff der Gothic Novel bin ich dann erst während meines Studiums gestoßen, als ich in London in einem Modernen Antiquariat eine Version mit Anmerkungen von „Jane Eyre“ gekauft hatte. Dort wurden Bezüge zur Gothic Fiction aufgezeigt, eine Form der Literatur, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien beliebt war.

Fellner Geisterszene, Foto: Tine Nowak

Als ich später „Northanger Abbey“ von Jane Austen las, tauchten die Elemente dieses Romantyps wieder auf: eine Romanheldin, ein düsteres Schloss, ein Geheimnis um einen verbotenen Trakt, Geräusche in der Nacht, eine ominöse Frau, eine düstere Männerfigur. Allerdings schon durch die Sicht der Romanheldin ironisch gebrochen. Eva Sphinx, Foto: Tine NowakCatherine lässt auf Northanger Abbey ihren wilden, durch Schauerromane genährte Phantasie freien Lauf, um am Ende die Romane geläutert zu verbrennen. Hier lässt sich deutlich ein bewahrpädagogischer Ansatz erkennen, der sich aus der Sorge um die vermeintliche Lesewut der jungen Damen speiste, die scheinbar so manchen Schauer beim Lesen erlebten, was argwöhnisch beobachtet wurde. Die Auswirkungen solcher Gefühlsaufwallungen auf junge Mädchen durch Literatur sind im Kinderbuch „Anne of Green Gables“ geschildert. Anne begeistert sich mit ihren Freundinnen für Tennysons „The Lady of Shalott„. Die Begeisterung geht so weit, dass sich Anne in ein Boot legt, während die Freundinnen Tennyson rezitieren. Beinahe ertrinkt die jugendliche Romanfigur dabei, als nicht ungefährlich erweist sich somit die Performanz des Lektürestoffes.

In den Ausstellungsräumen im Städel zeigen sich in der Ausstellung zur „Schwarze Romantik“ insbesondere die deutsche und französische Ausprägungen düsterer Romantik. Es sind vor allem Gemälde und Grafiken aus dem Zeitraum des 18. und 19. Jahrhunderts bis hin zu den Surrealisten des 20. Jahrhunderts. Goya Grafiken, Foto: Tine NowakGerade die populären Bezüge zur Literatur der Gothic Fiction sind es, welche ich in der Ausstellung vermisst habe, sieht man von der Inszenierung zu Mary Shelleys „Frankenstein“ ab. Die Ausstellungsarchitektur hierzu ist wohl prominent im ersten Ausstellungsraum präsentiert, allerdings wird stärker die Rezeption im Film verhandelt. Die Integration des frühen Films in eine Kunstausstellung muss hier jedoch betont werden. Nicht nur, dass dies gut gelungen ist, aber es erstaunt mich immer noch, dass dies ein Novum sein soll. Ist nicht weit mehr verwunderlich, dass viel zu wenig die gegenseitige Bedingtheit und Beeinflussung der Künste in Ausstellungen thematisiert wird? Auch hier hätte die Durchdringung von Literatur noch deutlicher aufgezeigt und die wachsende Verbreitung von neuen Medien, wie der frühen Fotografie, nach meinen Bedürfnissen, mehr Raum gegeben werden dürfen. Werden doch insbesondere zeitgleich frühe inszenierte Fotografien mit „Ophelia“- und „Lady of Shalott“-Motiven (die stark an die Bildkompositionen von John William Waterhouse erinnern) in der Mannheimer Ausstellung „Die Geburtsstunde der Fotografie“ gezeigt.

Einen Künstler habe ich zudem vergeblich gesucht: Ich hätte wetten mögen, dass mir Audrey Beardsley irgendwo in der Ausstellung begegnen würde. Er hätte sehr gut als Künstler des Übergangs funktioniert, der die Bildmotive des 19. Jahrhunderts (Untergeschoss) neu gefasst hat und wegweisend ins 20. Jahrhundert geleitet hätte (Obergeschoss).

Es ist Jammern auf hohen Niveau, denn die Ausstellung ist unterhaltsam und sie bietet den Besuchern viel. Selbst der kunstferne Betrachter kann leicht Bezüge zu gängigen Motiven aus Filmen und Comics finden. Gleich mehrfach wurde im schütter behaarten Totenkopf auf der Grafik von Julien Adolphe Duvocelle – zur allgemeinen Belustigung – ein Gollum-Doppelgänger wiedererkannt.

Der Text entstand im Rahmen einer Blogparade des Städelmuseums und nach dem Besuch eines KultUps in der Ausstellung „Schwarze Romantik“ im Städelmuseum Frankfurt.

Koons in Frankfurt

Kult Up  zur Jeff Koons-Ausstellung im Liebieghaus, Foto: Tine Nowak
Kurzinfo:
Jeff Koons ist zur Zeit einer der teuersten Künstler der Welt. Er ist außerdem einer der wenigen Kunst-Celebritys, die auch außerhalb der Kunstwelt bekannt sind. Erst letzte Woche war er bei Late-Night Satiriker Stephen Colbert (Comedy Central) zu Gast. In Frankfurt ist seit Juni eine Gemeinschaftsausstellung zu Jeff Koons zu sehen. Die Kunsthalle Schirn zeigt. „Jeff Koons. The Painter„. Das Liebieghaus zeigt „Jeff Koons. The Sculptor„.

Koons als Blockbuster
Gemäß der Prominenz von Koons Werk wird die Ausstellung stark beworben und man merkt der Planung die Aussicht auf ein hohes Besucheraufkommen an: „MUST SEE“ heißt es auf den Ausstellungsplakaten. Kritisch zeigte sich hierzu mitunter Niklas Maak (FAZ) in einem pointierten Artikel, in dem er die Eventisierung des Museums beklagte. 50.000 Besucher sind seither in der Koons-Ausstellung gewesen. Eine beachtliche Zahl. Es gibt Museen, die wären froh, dürften sie diese Besucher im ganzen Jahr bei sich begrüßen. Im Hinblick auf Besucherzahlen vergangener Erfolgsausstellungen wirkt die Zahl fast schon wieder bescheiden. Doch relativiert sich dies etwas im direkten Vergleich, beispielsweise zur Koons-Ausstellung 2008 im Museum für Contemporary Art Chicago. Bei einer ähnlich langen Laufzeit waren am Ende etwas über 86.000 Besucher gekommen. Trotz seiner Popularität scheint Jeff Koons für Museumsbesucher noch kein so dringlicher Besuchsanlass wie eine Ausstellung zu Munch oder den Impressionistinnen zu sein. Am Ticketcontainer, der auf dem Bürgersteig vor dem Liebieghaus aufgestellt worden war, hatte ich bisher noch keine langen Besucherschlangen gesehen. Persönlich finde ich das gut, da ich überfüllten, mit Besuchern gedrängten Ausstellungen nur wenig abgewinnen kann. Aber wer weiß, vielleicht ändert sich dies noch zum Ende der Laufzeit. Mit dem September beginnt wieder die eigentliche Museums- und Galeriesaison.

Was mir gefällt:
Kult Up in der Jeff Koons-Ausstellung im Liebieghaus. Foto: Tine NowakKontextualisierung im Liebieghaus
Jeff Koons Skulpturen sind im Liebieghaus in den Kontext der permanenten Ausstellung des Museums gesetzt worden. Erstaunlicherweise profitieren davon am stärksten die Skulpturen des Hauses. Mit Koons perfektionistischen Kitsch-Objekten nimmt man die historischen Kunstwerke präsenter wahr. Die Setzung ist klug, Koons Skulpturen sind optimal auf die historischen Werke abgestimmt. Auch ohne große Erläuterungen und Texte ist es möglich, intuitiv eine Narration innerhalb der Räume zu erfassen.

Jeff Koons. The Painter - Schirn Frankfurt, Foto: Tine Nowak Verwendung von QR-Codes
Wer vertiefende Informationen sucht (und das wird man spätestens in der Schirn) findet an manchen der Kunstwerke einen QR-Code neben dem Objektschild. Ein Link führt zu ausgewählten Artikeln des Schirn Magazins, wo sich Artikel zur Ausstellung lesen lassen. Hier wird jeder Lüge gestraft, der behauptet, QR-Codes seien zu aufdringlich und hässlich. Siehe da: das Arrangement aus Schild und QR-Grafik wirkt sauber und aufgeräumt.

Manko:
Der lange Ausstellungsraum der Schirn liegt nahezu unverbaut vor uns. Weiße Wände, helles Oberlicht, der Raum nimmt sich zurück. Hier sprechen die Bilder, doch leider fühlt sich dies wie ein babylonisches Sprachgewirr an. Es schreit einen von überall Kunst an: deute mich, lies mich, ich biete Dir was an. Doch wo anfangen? Die Reihung ist bewusst nicht chronologisch. Nach welchen Ordnungsprinzip hängen sie? Thematisch, ästhetisch, dialogisch? Einzig im nur Erwachsenen zugänglichen „Made im Heaven“-Raum gelingt die Adressierung sofort, auch wenn es sich hier um „Dirty Talk“ handelt. Hintergrundinformationen sind theoretisch verfügbar. Der Katalog liegt im Ausstellungsraum mehrfach auf den Sitzbänken bereit und es gibt zusätzlich die QR-Codes. Dennoch fühlt man sich etwas orientierungslos. Man verlässt den Ausstellungsraum, mit dem Gefühl etwas verpasst zu haben, man weiß nur nicht so genau was.

Schirn Up - Bloggertreffen zur Jeff Koons-Ausstellung, Foto: Tine Nowak

Fazit:
Ein großes Projekt. Die Idee Malerei und Skulptur zu trennen, ist aufgrund der unterschiedlichen Orte schlüssig nachvollziehbar, wobei die nüchterne Ausstellung in der Schirn im sinnlichen Vergleich mit dem Liebieghaus verlieren muss. Beides sind keine Koons-Ausstellungen für Anfänger, im Sinne von großen werkumfassenden Überblicksschauen. Am Besten fährt man zunächst zur Fondation Beyeler nach Basel, die noch bis 2.9.2012 ebenfalls eine Jeff Koons-Ausstellung zeigt. Chronologisch geordnet werden dort drei wichtige Werkgruppen präsentiert (PDF Saalheft). Danach sollte man nach Frankfurt kommen und kann viel besser verstehen und genießen, was hier ganz anders gemacht wurde.

Schirn Up - Bloggertreffen zur Jeff Koons-Ausstellung. Foto: Tine Nowak

Tweet Up im Museum
Die Kunsthalle Schirn ist experimentell beim Erproben von Formaten des Online-Marketings ihrer Ausstellungen. Zur Koons-Ausstellung wurde erstmals zu einem Bloggertreffen eingeladen, abends fand zudem ein Tweet Up im Museum statt, bei denen die Besucher live mittwittern konnten statt nur zuzuhören. Die Fotos des Blogbeitrags stammen von diesem Bloggertreffen und dem mit „KultUp“ betitelten Tweet Up am Abend. Dies muss deswegen extra erwähnt werden, da Privatbesucher nicht in den Koons-Ausstellungen fotografieren dürfen. Das hatte ich selbst bei der Ausstellungseröffnung erlebt. Kaum hatte ich im Liebieghaus meine Kamera in die Hand genommen, wurde ich vom offiziellen Fotografen angesprochen, mit den Hinweis, dass ich nicht fotografieren dürfe. Auch mein Vorschlag, dass ich mir eine Fotoerlaubnis holen könne, wurde von ihm als aussichtslos abgewehrt. Hier haben Blogger ein Vorteil, denn diese dürfen, wenn sie sich vorab an die Presseabteilung wenden, auch fotografieren.

Schirn Up - Bloggertreffen zur Jeff Koons-Ausstellung, Foto: Tine Nowak

Schirn Up - Bloggertreffen zur Jeff Koons-Ausstellung, Foto: Tine Nowak

Kult Up im Liebieghaus in der Ausstellung "Jeff Koons - The Sculptor", Foto: Tine Nowak

Kult Up  zur Jeff Koons-Ausstellung im Liebieghaus, Foto: Tine Nowak
Kult Up im Liebieghaus. Führung mit Kurator Vinzenz Brinkmann durch die Ausstellung "Jeff Koons - The Sculptor", Foto: Tine Nowak

Kult Up im Liebieghaus in der Ausstellung "Jeff Koons - The Sculptor", Foto: Tine Nowak

Kult Up im Liebieghaus in der Ausstellung "Jeff Koons - The Sculptor", Foto: Tine Nowak

Kult Up  zur Jeff Koons-Ausstellung im Liebieghaus, Foto: Tine Nowak

Teil 1: Blog me up, Scotty
Teil 2: Koons in Frankfurt