Alles in einem Museum

Und ein Museum für alle

Von den Ausstellungen und Museen, die ich 2012 besucht habe, hat mich eines besonders langanhaltend beeindruckt. Ich konnte zunächst gar nicht genau benennen warum. Sah ich mir die Fotos an, hätte ich nicht behaupten können, dass das Ausstellungsmobiliar sonderlich innovativ oder die Grafik extrem auffällig gewesen wäre. Wahrscheinlich hat dies damit zu tun, dass ich von einem Museum und seiner Dauerausstellung spreche. Eine permanente Ausstellung ist darauf ausgelegt, nicht nur eine Ausstellungssaison gut aussehen und funktionieren zu müssen, sondern mitunter viele Jahre. Dementsprechend ist sie mit möglichst langlebigen Materialien, solider Technik und weniger zeitgeistigen Design ausgestattet.

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Ich spreche vom National Museum of Scotland in Edinburgh. Ein Nationalmuseum, welches in Wirklichkeit aus 5 Museen und 3 permanenten Ausstellungsbereichen unter einem Dach besteht: Die Halle der großen Galerie ist das Zentrum des Museums. Sie wird von einer Metallkonstruktion getragen, hell bricht das Licht durch das gläserne Dach. Begriffe, wie Museumspalast fallen einem sofort ein. Man kann in ihr flanieren, sich kurz ausruhen oder gar ohne Ausstellungsbesuch die Zeit totschlagen. Als wir zu Besuch waren, gab es mittags Konzerte, die zum Edinburgh Festival gehörten. Die große Galerie beheimatet im Erdgeschoss auch Objekte: singuläre Glanzstücke der Sammlung sind hier zu sehen.

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In dieser zentralen Halle sind in mehrstöckigen Emporen, die Objektcollagen der Fenster zur Welt untergebracht. In der Kombination vom Betrachten der Objekte und Tasten sowie Lesen am Bildschirm, wo sich vertiefende Informationen zu den Objekten verbergen, sind diese Fenster für Besucherinnen und Besucher individuell erfahrbar. Auch hier sind es nicht das Design oder die Benutzerfreundlichkeit die im Übermaß beeindrucken würden, aber die Kombination von ästhetisierter Objektzusammenstellung mit der Wahlfreiheit der Vertiefung bereitet einfach Freude. Von hier verzweigt sich der Weg in die verschiedenen thematischen Ausrichtungen und weiteren Hallen mit mehrstöckigen Emporen. Mittig führt der Weg im Erdgeschoss in den anschließenden Bereich der Entdeckungen, welcher Erfindungen sowie technische oder kunsthandwerkliche Innovationen aus Schottland beinhaltet. Über diesen Weg kommt man auch zum Mitmachbereich Imagine für die ganz kleinen Kinder. Dieses Museum richtet sich an alle: von ganz, ganz kleinen bis zu den älteren Museumsbesuchern.

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Wer öfters in Museen unterwegs ist, kennt die Diskrepanz zwischen der Ausgestaltung der Museumsräume und Besuchern, die mit der ganzen Familie, insbesondere mit jungen Kindern gekommen sind. Selbst die Mitmach-Bereiche, die es vermehrt gibt, richten sich selten an Kinder unter sechs Jahren. Im National Museum of Scotland wurde versucht, einen Raum für frühkindliche Erfahrungen zu kreieren, der rege genutzt wird. Dazu noch kostenfrei. Die Mitmach-Räume gehören zur Dauerausstellung und sind wie diese kostenfrei zu nutzen.

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Mitmach-Bereiche für Kinder gibt es in diesem Museum gleich mehrere. Besonders begeistert habe ich mich für den, der in der Halle mit den naturkundlichen Themen untergebracht ist. Diese stellt sich konträr zu der leeren und lichten Eingangshalle dar. Das Glasdach ist abgedunkelt. In der Mitte der Halle sind in Fülle präpariertes Meeres- und Flußgetier gehängt, als würden sie sich in einem unsichtbaren Gewässer tummeln. Unten am Boden sind die Landtiere aufgestellt. Eigentlich sind die Vitrinen in den Seitengalerien sogar ein wenig hässlich, jedoch der Eindruck der Fülle lässt die Möbel im direkten Gegenüber in den Hintergrund rücken. Meine Lieblingsstation im Abenteuerplaneten betitelten Kinderbereich ist die Spielstation Dino dig, in die man wie in einen Sandkasten hineinsteigt und prähistorischen Knochen, in Paläontologen-Manier von Sand befreit.

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Ein komplettes Technik- und Kommunikationsmuseum findet sich in der Halle Wissenschaft und Technik. Technik und Kommunikation sind meine persönlichen Museumsthemen, dementsprechend habe ich mich hier besonders wohl gefühlt. Es ist immer spannend zu vergleichen, welche nationalen Narationen sich in diesen Bereichen entspinnen. Allein an der Erfindung und Entwicklung von Telefon, Fernsehen und Computern kann man je nach Land die unterschiedlichsten nationalen Erfinder neu kennenlernen.

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Was mir hier am Besten gefiel, so wenig spektakulär es auf den ersten Blick auch wirkt, ist diese Gegenüberstellung weiblicher Arbeiterinnen der frühen Computerindustrie und männlicher Computerexperten der Bell Laboratories. Die Bilder sind bis hin zum Ausschnitt und Bildkomposition gespiegelt auf die Grafikwände gesetzt. Dass neben ihnen Objekte zu Amateurfunk, Marconi und frühen Computern folgen, macht diese Ecke des Museums für mich zu einem thematischen Zuhause.

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Die Hallen zu Weltkulturen sowie Kunst und Design habe ich aus Zeitgründen nur schnell durchschritten. Auch habe ich die Sonderausstellung komplett außer Acht gelassen. Im Schottland-Neubau ist es einzig der Bereich Schottland: Eine sich verändernde Nation den ich mir mit Muße angeschaut habe. Nicht weil ich nicht mehr sehen wollte, sondern nicht mehr konnte. Dieses Museum, welches aus Museen besteht, braucht Zeit und erschöpft, wenn man den Versuch wagt, es in Gänze zu erobern. Glücklicherweise gibt es eine wunderbare Dachterrasse mit Ausblick auf Edinburgh und mehrere Museumscafés in denen man sich erholen kann. Eines ist sicher: die Mühe lohnt sich.

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Fazit: Ich habe 2012 wunderbare Wechselausstellungen und schöne Museum gesehen, aber von der Offenheit, Familien- und Gastfreundlichkeit des National Museums of Scotland bin ich tief beeindruckt.

Der Blogpost findet im Rahmen der Blogparade des Historischen Museums Frankfurt statt, welches die spannendesten Ausstellungen 2012 suchte.

Dark Romanticism

Mit Gothic habe ich lange Zeit eine Epoche der Kulturgeschichte oder eine Jugendkultur assoziiert. Auf den Begriff der Gothic Novel bin ich dann erst während meines Studiums gestoßen, als ich in London in einem Modernen Antiquariat eine Version mit Anmerkungen von „Jane Eyre“ gekauft hatte. Dort wurden Bezüge zur Gothic Fiction aufgezeigt, eine Form der Literatur, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien beliebt war.

Fellner Geisterszene, Foto: Tine Nowak

Als ich später „Northanger Abbey“ von Jane Austen las, tauchten die Elemente dieses Romantyps wieder auf: eine Romanheldin, ein düsteres Schloss, ein Geheimnis um einen verbotenen Trakt, Geräusche in der Nacht, eine ominöse Frau, eine düstere Männerfigur. Allerdings schon durch die Sicht der Romanheldin ironisch gebrochen. Eva Sphinx, Foto: Tine NowakCatherine lässt auf Northanger Abbey ihren wilden, durch Schauerromane genährte Phantasie freien Lauf, um am Ende die Romane geläutert zu verbrennen. Hier lässt sich deutlich ein bewahrpädagogischer Ansatz erkennen, der sich aus der Sorge um die vermeintliche Lesewut der jungen Damen speiste, die scheinbar so manchen Schauer beim Lesen erlebten, was argwöhnisch beobachtet wurde. Die Auswirkungen solcher Gefühlsaufwallungen auf junge Mädchen durch Literatur sind im Kinderbuch „Anne of Green Gables“ geschildert. Anne begeistert sich mit ihren Freundinnen für Tennysons „The Lady of Shalott„. Die Begeisterung geht so weit, dass sich Anne in ein Boot legt, während die Freundinnen Tennyson rezitieren. Beinahe ertrinkt die jugendliche Romanfigur dabei, als nicht ungefährlich erweist sich somit die Performanz des Lektürestoffes.

In den Ausstellungsräumen im Städel zeigen sich in der Ausstellung zur „Schwarze Romantik“ insbesondere die deutsche und französische Ausprägungen düsterer Romantik. Es sind vor allem Gemälde und Grafiken aus dem Zeitraum des 18. und 19. Jahrhunderts bis hin zu den Surrealisten des 20. Jahrhunderts. Goya Grafiken, Foto: Tine NowakGerade die populären Bezüge zur Literatur der Gothic Fiction sind es, welche ich in der Ausstellung vermisst habe, sieht man von der Inszenierung zu Mary Shelleys „Frankenstein“ ab. Die Ausstellungsarchitektur hierzu ist wohl prominent im ersten Ausstellungsraum präsentiert, allerdings wird stärker die Rezeption im Film verhandelt. Die Integration des frühen Films in eine Kunstausstellung muss hier jedoch betont werden. Nicht nur, dass dies gut gelungen ist, aber es erstaunt mich immer noch, dass dies ein Novum sein soll. Ist nicht weit mehr verwunderlich, dass viel zu wenig die gegenseitige Bedingtheit und Beeinflussung der Künste in Ausstellungen thematisiert wird? Auch hier hätte die Durchdringung von Literatur noch deutlicher aufgezeigt und die wachsende Verbreitung von neuen Medien, wie der frühen Fotografie, nach meinen Bedürfnissen, mehr Raum gegeben werden dürfen. Werden doch insbesondere zeitgleich frühe inszenierte Fotografien mit „Ophelia“- und „Lady of Shalott“-Motiven (die stark an die Bildkompositionen von John William Waterhouse erinnern) in der Mannheimer Ausstellung „Die Geburtsstunde der Fotografie“ gezeigt.

Einen Künstler habe ich zudem vergeblich gesucht: Ich hätte wetten mögen, dass mir Audrey Beardsley irgendwo in der Ausstellung begegnen würde. Er hätte sehr gut als Künstler des Übergangs funktioniert, der die Bildmotive des 19. Jahrhunderts (Untergeschoss) neu gefasst hat und wegweisend ins 20. Jahrhundert geleitet hätte (Obergeschoss).

Es ist Jammern auf hohen Niveau, denn die Ausstellung ist unterhaltsam und sie bietet den Besuchern viel. Selbst der kunstferne Betrachter kann leicht Bezüge zu gängigen Motiven aus Filmen und Comics finden. Gleich mehrfach wurde im schütter behaarten Totenkopf auf der Grafik von Julien Adolphe Duvocelle – zur allgemeinen Belustigung – ein Gollum-Doppelgänger wiedererkannt.

Der Text entstand im Rahmen einer Blogparade des Städelmuseums und nach dem Besuch eines KultUps in der Ausstellung „Schwarze Romantik“ im Städelmuseum Frankfurt.

Blog me up, Scotty

Museen und Kunsthallen: Elfenbeintürme sind sie nicht, vielleicht aber so etwas wie Raumschiffe? Und diese machen sich nun vereinzelt auf zum Kontakt: mit der noch unbekannten Spezies des Bloggers.

Schirn Up - Bloggertreffen zur Jeff Koons-Ausstellung, Foto: Tine Nowak

Meet up. Schirn up. Koons up. Kunst im Blog – Bloggertreffen in der Schirn Frankfurt

Letzte Woche lud die Kunsthalle Schirn zu einem Bloggertreffen (#SchirnUp). Es wurden einige Blogger vorab angefragt, man konnte sich auch selbst akkreditieren. Am gleichen Tag wurde im Anschluss ein Tweet up in Zusammenarbeit mit Ulrike Schmid und Tanja Neumann von KultUp (#KultUp) veranstaltet. Unter den jeweiligen Hashtags waren die Veranstaltungen live im Web via Twitter mitzuverfolgen (sofern die Technik dies zuliess). Ein Storify hierzu findet sich hier, ebenso gibt es einen Blogpost mit einer Auswahl der Tweets. Für das Bloggertreffen waren drei Kurz-Vorträge angesetzt: von der Journalistin Mercedes Bunz, vom Kunstblogger Matthias Planitzer und vom Schirn-Team (Luise Bachmann, Fabian Famulok und Carolyn Meyding). Zudem hatte das Schirn-Team vorab einige Fragen zum Treffen formuliert:

Welche Bedeutung haben Blogs im Kunst- und Kulturbereich? Treten Blogs aus dem Schatten etablierter Kunstmagazine hervor? Wie können sich Kunst- und Kulturinstitutionen besser mit Bloggern vernetzen?

Schirn Up - Bloggertreffen zur Jeff Koons-Ausstellung, Foto: Tine Nowak

Das Ergebnis des Schirn Up lässt sich mittlerweile in mehreren Blogs nachlesen (Linkliste s.u.). Die Wahrnehmung, bzw. Bewertung ist ebenso unterschiedlich wie die Zusammensetzung der Blogger, die an diesem Nachmittag in die Schirn gekommen waren. Die wenigsten waren Kunstblogger. Vielmehr gab es eine recht große Anzahl von Bloggern aus Museen und dem Kulturmanagement-Bereich, weiterhin aus dem groben Themenbereich von „Mode-Lifestyle-Urbanes Leben“. Zudem waren auch mehrere Blogger da, die die bewährte Journal- und Notizbuch-Tradition im Blog pflegen.

Da ich schon bei einigen Blogger-/Produser-Konferenzen (1 / 2 / 3 / 4 / 5) war, hatte ich mir von der Veranstaltung zunächst eine solche erhofft, wobei recht schnell deutlich wurde, dass Bloggertreffen letztlich genau die richtige Umschreibung für den Event war. Die inhaltliche Debatte, welchen Platz sich Kunstblogs gerade in der Blog- oder Kunstmagazinlandschaft eroberten, war eher peripher von Interesse. Das Presse- und Online-Team der Kunsthalle Schirn wollte vielmehr kennenlernen, was die Bedürfnisse, Wünsche, Anregungen von Bloggern und Bloggerinnen für ein produktives Miteinander wären. Das ist durchaus legitim (urteilt meine Blogger-Seele milde), gar ein Schritt in die richtige Richtung (jubelt die engagierte Museumsfrau in mir), doch könnte man den Charakter des Treffens bei einem womöglich nächsten Mal noch deutlicher herausstellen. Dass die Schirn- und Liebieghaus-Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit einer Charme-Attacke auf die versammelte Bloggerschar zielte, fand ich persönlich symphatisch. Für manchen Blogger war das vielleicht schon ein bißchen zuviel, denn soviel Umarmung ist man nicht gewohnt und es weckt mitunter Misstrauen als ehrenamtliches PR-Werkzeug betrachtet zu werden.

Schirn Up - Bloggertreffen zur Jeff Koons-Ausstellung, Foto: Tine Nowak

Eins Vorneweg: Ich habe mich auf Mercedes Bunz gefreut, ich habe sie bisher zweimal sprechen hören. Einmal bei einer Podiumsdiskussion bei der re:publica 2007, sowie bei der re:publica 2012. An den letzten Vortrag erinnere ich mich gerne, denn zum Ende plädierte sie dafür, zu den Blogs zurückzukehren. Wir hätten sie zu schnell aufgegeben und seien zu anderen Plattformen abgewandert als Blogs plötzlich zu populär wurden. Wir sollten aber unsere Plattformen besser verteidigen, statt sie den anderen zu überlassen. Etwas, was für mich schon zum Motto für 2012 geworden ist.

Die Vorträge in der Schirn waren jeweils auf 30 Minuten angesetzt. Mercedes Bunz begann mit dem Hinweis, dass Museen nach Kinos mittlerweile die meistbesuchten Freizeitorte seien. Orte, die sich geöffnet hätten, es aber nun die Frage bleibe, für welches Publikum. Drehe sich alles nur noch um das zahlende Publikum und ginge diese Entwicklung nicht mit dem Verlust von Niveau einher? (Mit der Frage der Kommerzialisierung von Museen hatte sie sich erst kürzlich in ihrem Blog beschäftigt)

Auf Blogs fühle man sich mit Leuten verbunden, obwohl man sie nicht kenne. Bloggen führe zudem dazu, anders zu sehen und zu fragen.

Der Blick schweift geschärft durch die Welt (Mercedes Bunz)

Bunz verdeutlichte dies mit einem Beispiel. Auch heute noch würden neue Lebensformen weiterhin gezeichnet. Man betrachte die Lebensform beim Zeichnen genauer und entdecke dabei mehr als das, was ein noch so genaues Foto darstellen könne. An diesem Punkt fragte sie ins Publikum, wie oft wir Bloggen würden. Einmal die Woche? Mehr? Weniger? Bloggen sei eine Selbstverpflichtung, wobei sie zugab, dass das Bloggen bei ihr durch Twitter abgenommen habe. Bloggen sei „Do It Yourself“ und dieses DIY sei mittlerweile eine offizielle Geste der Gesellschaft. Kulturblogger säßen genau auf dieser Schnittstelle. In Zeiten, in denen es diese „Facebook-global-wir-sind-alle-Freunde“-Attitüde gebe (hier der Link zum im Vortrag gezeigten Video), nähme man sich durch Bloggen immerhin noch gegenseitig wahr.

Einige Kulturinstitutionen widmeten sich exzessiv der Digitalisierung, z.B. die Tate. In England gäbe es weniger Berührungsängste zu modernen Technologien. Die Tate betreibe eifrig Video-Channels, habe mehrere Blogs, sowie diverse Apps. Aber auch privaten Blogs agierten mit artifiziellem Gestus: Unhappyhipsters.com spiele mit moderner Architektur, welche den Menschen aus seiner natürlichen Umgebung verdrängt habe. Mondo-blogo.blogspot.de sei ein Blog mit manischen Phasen, voll visueller Eindrücke. Lepetitechomalade.com imitiere Modeblogs, indem Fotos aus diesen nachgestellt und somit künstlerisch bearbeitet würden. Wiederverwertung sei eine zeitgemäße Form von Kultur, so dass diese Blogs für Mercedes Bunz selbst künstlerische Arbeiten darstellten.

Zum „geschärften Blick“ kam eine Nachfrage aus dem Publikum: Wo die Abgrenzung zu Journalisten sei, die ja ebenfalls „geschärft“ ihre Umwelt wahrnähmen. Mercedes Bunz erklärte, dass Journalisten auf den Nachrichtwert von Ereignissen fokussiert seien. Wenn dieser nicht vorläge, käme das Ereignis nicht als Nachricht vor. Blogger und Twitterer seien hingegen Interessensvertreter ihrer selbst.

Blogger sind fleißige Bienchen (Mercedes Bunz)

Schirn Up - Bloggertreffen zur Jeff Koons-Ausstellung, Foto: Tine Nowak

Auf Matthias Planitzer war ich neugierig, er betreibt seit 2009 das Kunstblog Castor & Pollux und ist im Juni mit dem Lead-Award in Bronze dafür ausgezeichnet worden. Über dieses wollte er aber nicht sprechen, so begann er seinen Vortrag, er fürchtete, dies würde langweilen. Sein Vortrag hieß stattdessen „Das Blog, die Galerie und die Institution“ (PDF online).

Zunächst zeigte Planitzer jedoch noch an eigenen Erfahrungen das Spektrum auf, mit dem man als Blogger konfrontiert werden könne, wenn man zu zeitgenössischer Kunst schreibe. Beispiel 1 verdeutlichte die Hürden: Bei einer Kunstausstellung eines Freundes habe er einen Blogartikel geschrieben, für diesen fragte er ein Pressebild bei der Galerie an. Von der Galerie kam keine Antwort, sein Freund selbst habe ihm das Bild auch nicht geben wollen. Panitzer musste den Text ohne Foto im Blog veröffentlichen. Fotos und Bildrechte seien typische Herausforderungen für Kunstblogger. Das zweite Beispiel zeigte hingegen unerwartete Möglichkeiten: So sei er 2011 mit weiteren Bloggern zur Pressekonferenz der zweijährigen Partnerschaft zwischen VW und dem MoMA // MoMA PS1 nach New York eingeladen worden.

Der Rest seines Vortrags kann man detaillierter dem Factsheet-PDF entnehmen, hier ging es hauptsächlich darum, welche Vorteile Blogs Kulturinstitutionen böten. Dies war nun speziell für mich nicht ganz so spannend, denn damit kenne ich mich und auch andere Anwesende (die ungeahnt ihrer Anwesenheit vor Ort als best practice-Beispiele erwähnt wurden 1 / 2) ganz gut aus. Hier wäre der Moment gewesen, an dem ich mir mehr eigene Eindrücke als Kunstblogger gewünscht hätte, denn wann immer er sich hierauf besann, war es stets spannend zuzuhören. Eines habe ich noch gelernt: nämlich das Museen Blogger in der Regel schätzen, während Galerien ihre Künstler vor Bloggern mitunter schützen. Wer hätte das gedacht?

Ein kleiner Nachtrag: Als ich den Bloggerevent des MOMA recherchierte, bin ich auf zwei Videos des ebenfalls eingeflogenen MC Winkels gestossen (wusste gar nicht, dass der noch aktiv ist). Nach den man sich diese angeschaut hat, verspreche ich, kann man das Thema „Blogger Relations“ für den deutschsprachigen Museumsraum vorerst ziemlich entspannt betrachten, da ist man doch noch weit entfernt. Wer genau hinschaut, findet auch Matthias Planitzer.

Schirn Up - Bloggertreffen zur Jeff Koons-Ausstellung, Foto: Tine Nowak

Im letzten Teil des Nachmittags wurde die Online-Aktivität der Schirn vorgestellt, angefangen damit, dass sich Blogger zu Pressekonferenzen akkreditieren und Bildmaterial für Blogposts anfragen könnten bis zu Online-Aktionen, wie u.a. dem Schirn Circle, der zur Geheim-Ausstellung gegründet wurde. Zudem gibt es auch das SCHIRN MAG, ein Kunstmagazin der Kunsthalle Schirn.

Es fallen viele Geschichten an in einer solchen Institution. Im SCHIRN MAG ist Platz für diese Geschichten (Fabian Famulok, Online-Redakteur)

Viele Leser kämen über Facebook, diese würden Facebook anscheinend wie einen RSS-Reader nutzen. Das SCHIRN Mag verstehe sich selbst als Magazin und nicht als Blog, wobei man sich durchaus mehr Leserinteraktion in den Kommentaren wünschen würde.

Hier beginnt aber eine grundsätzliche Frage, wie ein Online-Magazin mit anderen Onlinern agieren möchte. Im Selbstverständnis des Magazins funktioniert das bisher noch nach dem klassischen Sender-Prinzip. Einer – das Magazin – sendet, die anderen – die Leser – empfangen. Als Rücklaufkanal wird wohl ein Kommentarfeld angeboten, aber warum sollte man einer unpersönlichen Institution antworten? Geht denn die Institution in die Blogs anderer? Kennt sie die Blogs/Seiten ihrer vermeindlichen Leser? Liest sie, was dort die Blogger bewegt, kommentiert sie zurück?

Schauen wir uns das SCHIRN Mag doch einmal genauer an: Geht man in den Quelltext stellt man recht schnell fest, dass hier WordPress, also ein klassisches Blog-Redaktionssystem, verwendet wird. Tatsächlich sagt dies noch lange nichts darüber aus, ob die Seite auch als Blog genutzt wird. Es gibt mittlerweile viele Webseiten, die auf WordPress basieren und denen man dies kaum bis gar nicht ansieht (z.B. Webseite MfK Nürnberg). Es sind andere Dinge, die ein Blog ausmachen, damit meine ich gar nicht die Fokussierung auf persönliche Meinung, sondern das oberste Kriterium ist die zeitliche Taktung und die Referenzierbarkeit der einzelnen Beiträge. Im Blog wird chronologisch veröffentlicht, im Idealfall gekoppelt mit der Möglichkeit der Interaktion (Kommentarfeld). Zudem gibt es Kategorien und /oder ein Archiv. Erst später sind Kanäle zur Verbreitung der Blogposts (RSS, Social Media) und Verschlagwortung dazugekommen. Schaut man sich unter dieser Vorgabe das Schirn Magazin an, wird recht deutlich, dass wohl die Eigenwahrnehmung, die eines Magazins ist, aber von all dem was schon da ist, wir es mit einem Blog zu tun haben. Ein Blog kann ja auch all das sein: Tagebuch, Magazin, Notizbuch, Müllhalde oder ein wunderbares Kunst-Feuilleton. Interaktion und Partizipation bedarf jedoch Augenhöhe, wenn es sein muss, gerne auch mit Katzenbildern.

KultUp mit Cat Content in der Jeff Koons-Ausstellung im Liebieghaus, Foto: Tine Nowak

Weitere Blogposts zum Schirn Up (Auswahl)

Nachher:
02.08.12 – Antje (Green Pink Orange): Jeff Koons. The Sculptor…even more Details
01.08.12 – Jenni Fuchs (Museum Diary): Meet Up. Tweet Up. Koons Up. – Part 2
31.07.12 – Antje (Green Pink Orange): Where I met the Hipsters…SCHIRN Bloggers-Meeting in Frankfurt
30.07.12 – Tanja Neumann (Museums(t)raum): #schirnup – das 1. Bloggertreffen in der Schirn
30.07.12 – Schirn (SCHIRN MAG): Bloggertreffen #schirnup
30.07.12 – Torsten Larbig (Herr Larbig): Ach, diese Kostenloskultur (!). Reflexionen nach einem Bloggertreffen.
30.07.12 – Jürgen Fenn (Schneeschmelze): Wie ist es, Teil eines Hypes zu sein?
30.07.12 – Tabea Hein (Tabea’s Welt): [Kunst-Ausstellungen] JEFF KOONS: THE PAINTER in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main
30.07.12 – Christian Gries (iliou melathron): “Made in heaven”: Bloggertreffen und Tweetup zu Jeff Koons in Frankfurt
30.07.12 – Jenni Fuchs (Museum Diary): Meet Up. Tweet Up. Koons Up. – Part 1
30.07.12 – Tanja Praske (Kulturkonsorten): „SCHIRN UP – KULT UP – KOONS UP“: digital und analog – Bloggertreffen und Tweetup
29.07.12 – Laura Sodano (Nana Kitten): Meet up Tweet up Koons up – die SCHIRN lädt zum Blogger-Treffen
29.07.12 – Mr. Nameless (Media Gossip): MEET UP. TWEET UP. KOONS UP// KUNST IM BLOG
29.07.12 – Christian Henner-Fehr (Das Kulturmanagement Blog): Blogger Relations für Kulturbetriebe
28.07.12 – Philipp Franz (Rent my brain): Blogger schreiben Koonst-Geschichte
27.07.12 – Steffen Lars Popp (popp-ART): Popeye glänzt
17.07.12 – Antje (Green Pink Orange): Jeff Koons. The Painter…some Details
27.07.12 – Tanja Neumann (KultUp): KultUp (3) in Schirn und Liebieghaus – Viel Gezwitscher um Jeff Koons
27.07.12 – Jannis Plastargias (Schmerzwach): MEET UP. TWEET UP. KOONS UP
27.07.12 – Chrissy (Chrissy Wonderland): Bloggertreffen in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt ♥
27.07.12 – Robert (Heiligenschein Blog): kulturbetriebe und digitalisierung – ein teufelskreis
27.07.12 – Torsten Larbig (Herr Larbig): #Bloggertreffen und #Tweetup @Schirn @Liebieghaus in #Frankfurt – „Jeff #Koons. The Painter & The Sculptor“
26.07.12 – Harald Link (Kulturkonsorten): Twittern über Kultur und Kultur-Blogging und Koons – eine erste Analyse

Vorher:
26.07.12 – Marius Kiesgen (OKAYFRANKFURT): Meet Up Tweet Up Koons Up – Blogger- und Twittertreffen
25.07.12 – Jenni Fuchs (Museum Diary): On my way to becoming a rockstar
24.07.12 – Jürgen Fenn (Schneeschmelze): Die Einladung
24.07.12 – Ulrike Schmid (Kultur 2.0): Bloggertreffen und Blogger Relations
19.07.12 – Birgit Schmidt-Hurtienne (Kulturwirtschaftswege): Meet & Tweet: Bloggertreffen und KultUp zur Jeff-Koons-Ausstellung in Frankfurt
17.07.12 – Antje (Green Pink Orange): Bloggers Meeting – Bloggertreffen in der SCHIRN im Rahmen der Ausstellung „Jeff Koons. The Painter & The Sculptor“
15.07.12 – Judith Christina (frankfurtfashion): MEET UP. TWEET UP. KOONS UP
11.07.12 – Christian Gries (iliou melathron): Bloggertreffen und Tweetup zur Ausstellung von Jeff Koons in Frankfurt am 26. Juli 2012
09.07.12 – Tanja Neumann, Ulrike Schmid (KultUp): KultUp (3) in Schirn und Liebieghaus – Von wegen Sommerloch!

Teil 1: Blog me up, Scotty
Teil 2: Koons in Frankfurt